Bitte angemessen beflaggen!

Bänz Friedli wurde als herumreisender «Pendlerkolumnist» in «20 Minuten» einem Millionenpublikum bekannt – niemand beschrieb die Agglo wie er. Heute sagt er: So richtig kennengelernt habe er sie eigentlich erst, nachdem er das berufliche Gleis gewechselt habe. Ein Werkstattbericht.

Bitte angemessen beflaggen!
photographiert von Pascal Mora.

Bestes Theater» lautete die Überschrift, und die Rezension ging so: «Welch grandiose Inszenierung. Sie bildet die Schweiz schonungslos ab. Das Dekor minimal gehalten, aber effektvoll: Metallstangen und ein gummierter Bodenbelag, stark verschmutzt, schaffen ein kaltes Ambiente. Die stummen Figuren, auf Sessel verteilt, symbolisieren die Verlorenheit des einzelnen in einer entfremdeten Gesellschaft. Glasscheiben werfen die Individuen mit gespenstischen Spiegelungen auf sich selbst zurück. Jeder ist allein. Der grummelnde Rentner. Der bekiffte Hip-Hopper. Ein Taschendieb. Zwei Immigrantinnen, die in gebrochener Sprache tuscheln; ausgemergelte, verhärmte Frauen, die eine mit Kopftuch, die andere mit braunen, angefaulten Zähnen. Als hätten sie Angst, belauscht zu werden, wispern sie flüchtige Sätze. Über den Überlebenskampf. Woher das Geld nehmen, um die vielen Kinder zu ernähren? Wie die Miete bezahlen? Die Krankenkasse? Auf den Mann ist kein Verlass, er hurt herum. Die unerträgliche Gewöhnlichkeit des Elends. Dann tritt der Neonazi auf. Glatze, stierer Blick, Runen auf der Jacke. Er pöbelt, wird handgreiflich. Eskalation droht. Bis ein Junkie taumelnd dazwischengeht. ‹Lass doch die armen Weiber in Ruhe›, sagt er, verwickelt den Nazi in eine Diskussion, und: ‹Chumm, hee, häsch mer nöd zwäi Stutz?›

An dieser Aufführung stimmt alles. Die Tonspur: bedrohlich knatternd. Die Handlung: überraschend. Die Dialoge: packend lebensecht. Die Darsteller: glaubhaft vulgär. Die Moral: doppelbödig. Grosses Theater, stets bis auf den letzten Platz besetzt. Kostenlos zu sehen im 31er, dem Bus von Schlieren Richtung Farbhof. Und keinen hier drin kümmert dieser Marthaler.»

Als ich im vergangenen Frühjahr die Texte für ein Sammelbändchen mit Pendler- und Eisenbahngeschichten zusammenstellte, fiel die Kolumne durch, die Sie soeben gelesen haben. Eine Randspalte aus dem Frühherbst 2002 – die konnte man nicht mehr bringen, niemand mehr würde die Anspielung auf «diesen Marthaler» verstehen. Viel zu lange her, die Aufregung um den damaligen Chef des Zürcher Schauspielhauses, Christoph Marthaler. Einige Bildungsbürger und Journalisten, angeführt vom damaligen Publizisten und heutigen SRG-Generaldirektor Roger de Weck, hatten mächtig Aufhebens um Marthalers Absetzung gemacht: «Zürich schreit: Marthaler bleibt!» Doch von einer Volksbewegung konnte keine Rede sein, und der Protest verebbte rasch.

Es war nur der Protest einiger studierter Stadtmenschen, und vermutlich wollte ich mit dem kleinen Text auf etwas krude Weise ausdrücken: Was kümmert uns in der Agglo draussen deren elitäreres Gescheiss?

Von alltäglichen Ärgernissen handelten die kleinen Texte, die ich regelmässig verfasste, vom täglichen Kopfschütteln über unflätige Mitreisende, über Dauertelefoniererinnen und Dönerverzehrer, plärrende Teenies und mäkelnde Seniorinnen, über zu spät Aus- und zu früh Einsteigende; über Nichtigkeiten halt, die vielen so lästig vertraut sind, dass sie nicht nichts sind. Und, ja, sie handelten auch davon, dass man sich öfter selber just bei dem ertappt, worüber man sich so fürchterlich ärgert, wenn andere es tun: beim Dauertelefonieren, Schirmausschütteln und Durchgangversperren … Und zuweilen handelten sie von angenehmen Überraschungen, von dem Dödel mit Pilzfrisur und Hornbrille etwa, der sich mitsamt seiner Gitarre in den Waggon zwängte, einen dann aber, noch ehe man sich über ihn aufregen konnte, mit einer so hinreissenden Version von «You’re the One» bezauberte, dass man meinte, Buddy Holly persönlich sei einem erschienen.

Darüber hinaus und…

Stadtbesuch in der Agglo
Hat einen Draht zur Agglo: Schriftsteller Dominik Riedo.
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Online-Spezial: Weder in der Stadt noch auf dem Land, erbaut auf einer betongrauen Agglo-Wiese, vom Strom der Autobahn unterflossen, steht das «Westside»-Einkaufszentrum in Bern-West. Dominik Riedo geht in diesem Zwischenreich für uns auf Spurensuche.

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Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nicht auf dem Land. Wir legten damals Wert auf diesen Unterschied. Jeder, der mit dem Auto von Zürich nach Bern fuhr, musste durch Bremgarten. An Sommertagen roch die Kleinstadt nach Benzin. Und da war der Fluss. Mein Zürcher Onkel kam mit der Vespa und mein Basler Onkel mit der […]

Bitte angemessen beflaggen!
photographiert von Pascal Mora.
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Bänz Friedli wurde als herumreisender «Pendlerkolumnist» in «20 Minuten» einem Millionenpublikum bekannt – niemand beschrieb die Agglo wie er. Heute sagt er: So richtig kennengelernt habe er sie eigentlich erst, nachdem er das berufliche Gleis gewechselt habe. Ein Werkstattbericht.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»