What do you do?

Und dann ist da diese logische, unveränderliche, ständig wiederkehrende, nervige und unangenehm menschelnde Frage: «Und du? Was machst du so?» And you, what do you do? Was ich mache? Yes, what do you do? Äh… Come on. What do you do? Was ich im Leben mache? Das weiss ich nicht so genau. Ich gehe. Das […]

Und dann ist da diese logische, unveränderliche, ständig wiederkehrende, nervige und unangenehm menschelnde Frage: «Und du? Was machst du so?»

And you, what do you do?

Was ich mache?

Yes, what do you do?

Äh…

Come on.

What do you do?

Was ich im Leben mache? Das weiss ich nicht so genau. Ich gehe. Das ist immerhin ein Anfang. Jeden Morgen schliesse ich die Tür, wobei ich sie etwas anheben muss, nur dann geht der Riegel leicht ins Schloss. Darauf lasse ich den Schlüssel in die linke Jeanstasche gleiten und meine Beine setzen sich in Bewegung, über den Asphalt. Das wäre dann wohl, was ich am regelmässigsten mache, was mir ganz -eigen ist, was mich am sichersten ausmacht: Ich gehe. Ganz einfach so ist das, idiotensicher.

What do you do?

Ich gammle herum. Niemals vor 10.30 etwas machen, das ist meine Regel.

Come on!

What do you do?

Ich warte. Ich warte auf Freunde. Ich warte in Bahnhöfen auf Züge. Ich warte, während ich Serien schaue, dass die Nächte vorübergehen. Ich warte darauf, dass etwas geschieht. Irgendwas Verrücktes. Würde ich all diese in Bahnhöfen, Cafés und vor Bildschirmen verbrachten Minuten aneinanderreihen, hätte ich sicher genug Zeit, um endlich all das zu machen, wofür ich glaube, keine Zeit zu haben im Leben. Sonst warte ich auch noch darauf, dass mir jemand sagt, was ich machen soll, darauf, dass jemand meine Hand nimmt. Auf ein Zeichen, von dem ich nichts weiss. Ich warte auf morgen, um zu erledigen, was ich heute hätte erledigen müssen. Vielleicht warte ich auch auf ein Kind. Ich versuche immerzu, mich an den Augenblick zu erinnern, da die ersten Blätter an den Bäumen erscheinen. Aber Jahr für Jahr vergesse ich es.

What do you do?

For a living, I mean.

Ich versuche zu lernen, in so vielen -Sprachen wie möglich «Vielen Dank» zu -sagen. Momentan bin ich bei sieben-undvierzig oder achtundvierzig, doch für die ural-altaischen Sprachen wird es in nur einer Lebzeit knapp.

What do you do, really?

Ich schaue den Leuten in die Augen. Ich versuche, so oft wie möglich in dem Moment zu leben, wenn es keine Worte mehr braucht; wenn die Stille einsetzt und wir uns alle tief in die Augen blicken, um zu sehen, was darin so deutlich zum Ausdruck kommt.

Herausforderung.

Vergebung.

Verlangen.

Scham.

Erinnerung.

Dummheiten.

Das ist es, was ich mit meinem Leben mache. Ich suche den Blick der anderen. Und das laugt mich aus.

Was machst du denn jetzt eigentlich?

Ich höre meinem Bruder jede Woche am Telefon zu, lese die SMS meiner Grossmutter, begegne meinen Eltern und ihren Freunden im Restaurant, wo sie die Kontakte von Gipsern und Malern austauschen. Ich würde ihnen liebend gerne erzählen – aber wie bloss? –, was mich in diesem Augenblick interessiert, nämlich der Unterschied zwischen dem Blässhuhn und der Reiherente, zwischen dem Gelben Venusschuh und dem Grünen Knollenblätterpilz, zwischen finnisch und Finnisch, zwischen sehr, sehr heiss und sehr, sehr kalt, zwischen dem Köst-lichen und Umami, dem Erhabenen und dem Kitsch,…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»