Wilde Ethnologie

Jürg von Ins: Papa tabu. Die Heilung eines Prügelknaben in Afrika. Zürich: Wolfbach, 2011.

Immer wieder haben Ethnologen die wissenschaftliche Sprache ihres Faches als Prokrustesbett empfunden, wenn es ihnen darum ging, Phänomene einer fremden Kultur nicht nur zu analysieren, sondern auch adäquat zu beschreiben, im Leser zu evozieren. Aus diesem Versuch, die Ethnologie auf eine anschauliche, sinnliche, emotionale Art Richtung Literatur zu erweitern, entstanden Werke wie «Traurige Tropen» von Claude Lévi-Strauss oder die sogenannte Ethnopoesie eines Michel Leiris oder Hubert Fichte. Auch der Roman «Papa tabu» des in der Nähe von Zürich wohnhaften Jürg von Ins gehört in diese Tradition. Er publizierte vor einigen Jahren eine – sehr formale, semiotische – Habilitation über das Ndëpp-Heilritual in Senegal, mit dem er sich intensiv beschäftigte. Zwanzig Jahre nach diesen Forschungen verspürte er nun offenbar den Drang, nochmals in diese komplexen Erfahrungen hinunterzusteigen – aber in einer freieren, subjektiveren Form, die der Imagination mehr Raum lässt.

Er erzählt die Geschichte des Religionswissenschafters Felix de Anesta, der erfährt, dass sein «Vater»  eben nicht sein Vater ist. Im Besessenheitspriester Dauda Seck findet er eine Art Ersatz. Unzählige Male wohnt er den Ritualen am Atlantikufer in der Nähe Dakars bei, filmt Tieropferungen, photographiert Patientinnen in Trance, macht sich Notizen. Bis ihm ein Einheimischer sagt: «Man kann ein Ritual nur verstehen, wenn man unter dem Problem leidet, das es löst.» Kurz darauf hat er eines: er verliert Stelle, Einkommen, Status, alle schützenden Hüllen. Und auf einmal ist der Heiler für ihn nicht mehr nur Forschungsobjekt, sondern einzige Hoffnung. An diesem Punkt der Verlorenheit gehen de Anesta langsam die Augen auf.

«Papa tabu» erzählt von Geheimwissen, von erotischer und heiliger Grenzüberschreitung, von Absturz und Befreiung, von der wilden Erkenntnis, die nicht ohne den Tunnel der Verwirrung zu haben ist – mit den Mitteln der Fiktion kommt man der Wirklichkeit manchmal näher als mit objektiver, oberflächlicher Beschreibung.