Ein Kampf um Wörter

Markus Bundi: Emilies Schweigen. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2013.

Ein Kampf um Wörter

Diese Emilie hat’s in sich. Sie spricht nicht. Sie schweigt. Aber sie denkt, denkt man sich. Sie denkt und weiss: «Ich bin mein einziger Zeuge.» «Ausgezogen» hiess die hier wieder anklingende Erzählung Markus Bundis, die vom Sprechen und Schweigen und Verschweigen handelt und die nun nahtlos in den neusten Band desselben Autors mündet.

Um nichts weniger als einen Prozess, einen Indizienprozess, geht es in seiner neuen Novelle «Emilies Schweigen». Und wie es so manchenorts üblich ist, tobt der Streit weniger als Kampf mit Wörtern denn als Kampf um Wörter. Genauer: um Wörter, die die richtige Sicht auf die Protagonistin ermöglichen. Ist Emilie, die 35jährige Krankenschwester, ein mildtätiger Todesengel oder eine Bestie? Ist sie, die in 47 Fällen am Sterbebett von Patienten gesessen hat, schuldig oder nicht? Hat sie ihnen allen den nachgewiesenen Gifttrank eingeflösst – und wenn ja: mit oder gegen Zustimmung? War es Sterbehilfe, aktive oder passive, war es Mord? Oder gibt es gar einen «unsichtbaren Dritten»? David Moor, der Pflichtverteidiger, wünscht sich einen Privatdetektiv vom Formate eines Matula, aber dessen Erfolgsquote ist im richtigen Leben nicht zu haben. Bleibt nur die schlagende Verteidigungsstrategie des jungen Anwalts und, dies vor allem, wendige und überraschende Winkelzüge in der Redeschlacht mit dem erfahrenen Staatsanwalt.

Um die Sprache dreht sich alles in diesem juristischen Verfahren – und in Markus Bundis Buch. Die Schwierigkeit – oder sollte es heissen, die Unmöglichkeit –, die geschriebenen, die gesprochenen und die gedachten Wörter in Einklang, geschweige denn an den Mann (oder die Frau) zu bringen, das ist der Stoff, von dem Bundis Seiten sind. Die (sprachphilosophische) Erkenntnis «Sprache an sich ist nicht zu verstehen» – eine Aussage Bernhards, des Freunds von David Moor – rechtfertigt so nicht nur Emilies Stummsein, sie zielt darüber hinaus auf die allumfassende babylonische Sprachverwirrung.

Nicht, dass sich die Novelle in hochgestochen theoretischen Diskursen verlöre. Noch immer haben sich Tiefgründigkeit und Humor in Markus Bundis Büchern auf das harmonischste vereint. David Moor, im Umgang mit seinen «unguten» Gefühlen im Privatleben immer wieder einmal überfordert – im Umgang mit der Freundin erst recht –, aber auch mit seinen Augenringen und dem «verstopften Kopf»: dieser David bietet reichlich Gelegenheit zum Schmunzeln. Da er aber zum Schluss des Buches zur anspruchsvollen Quintessenz kommt, «dass Empfindung das höchste Gut ist», mischt sich in die Heiterkeit auch so etwas wie Sorge um den allzu sensiblen Denker… Und ja, man wünscht ihm vor allem ausreichend guten Schlaf. Denn wie lautet doch seine Verordnung in eigener Sache: «Worüber man nicht nachdenken will, darüber soll man schlafen.»