Arno Camenisch: «Die Kur»

Arno Camenisch:
«Die Kur»

 

Ein kurliges, frisch pensioniertes, ewig schon verheiratetes Rentnerehepaar hadert mit dem neuen Lebensabschnitt. Sie freut sich auf den an der Tombola gewonnenen Aufenthalt im Kurhotel. Er trauert dem Fresskorb nach, den der Zweitplatzierte gewann. Sie grollt ihm wegen des Blumenladens, den er ihr vor der Hochzeit versprochen hat und aus dem nichts geworden ist. Sie will Kultur; er ist schon glücklich, wenn er beim Konzert nicht zu schnarchen anfängt. Sie will reden, singen; er hat die Batterie fürs Hörgerät daheim vergessen.

So weit, so bekannt, so Camenisch: auch in «Die Kur» wieder das Aufeinandertreffen grundverschiedener Figuren vor eindrücklicher Bergkulisse. Alles glatt und ohne Widerhaken. Hier muss man schon auf den Kuhzaun brunzen, um sich mal wieder zu spüren. Elektrisierend ist aber auch das weder für die Rentner noch die Leser.

Das sind die Eindrücke der ersten Lektüre. Bei der zweiten liest sich das Buch ganz anders, hier und da hat man den Eindruck, einen anderen Text vor sich zu haben. Da gibt es etwa diese Stelle, als das Ehepaar in der Badewanne liegt und fern schaut. «Ich liebe Fernsehen, das sind die grossen Stunden im Leben», sagt der männliche Held, zu dem weder das Adjektiv noch das Nomen passt. Die zwei erinnern sich an den grossen gemeinsamen Tag, er im Anzug mit Fliege, sie im Fado-Kleid. Es geht jetzt aber nicht um die Hochzeit – sondern um den ersten gemeinsamen Fernsehkauf! Freude herrscht; das ganze Kaff kreuzt zum Mitgucken auf. Es folgen bös gute Passagen: «Nur der Pfarrer mit dem Tennisarm meinte, das [Fernsehen] sei so schädlich wie Masturbieren, […] wo er doch selber onanierte und dem lieben Gott erzählte, das helfe gegen Kopfweh. […] Im Calender Romontsch schrieb er seitenlange Artikel darüber, wie schädlich der Kinematograph sei. Dass dem die Hand nicht wehtat, das verstehe ich nicht.» Eine köstliche Passage von unaufgeregter, erlesen-maliziöser Eleganz ist das, eine Kur gegen alle möglichen Formen von Scheinheiligkeit. Oder eben: grosses Kino im Prosakleinen, allerdings ersichtlich erst auf den zweiten Blick.

Denn das Camenisch-Rezept – starke szenische Bilder, Berge, Bonmots, bühnenmässig hin und her flitzende, kaum markierte, verwischende Dialoge zwischen Käuzen, die nicht mit- und nicht ohne einander können – bekommt seinem Werk nicht wirklich gut. Es verdeckt mitunter gar seinen stillen, glühenden Kern. «Die Kur» ist weit mehr als nur Textheft zu einer Bühnenlesung, hat mehr Zeit verdient, als es braucht, sich das performativ vorlesen zu lassen. Nimmt man sich diese Zusatzzeit nicht, plätschert die Geschichte nur so vor sich hin – «ein weiterer Camenisch» halt. Wie nach jedem neuen Titel des ehemaligen Geheimtipps stellt sich die Frage: Kommt da mal noch was ohne Bündner Berge und einfältige Eingeborene? Ein erzählerisches Risiko? Der Subaru Justy ist immerhin schon einmal weg, und das Dialektkolorit ist angenehm zurückgefahren. Das ist schön, und das Ende verspricht sogar viel mehr: da tanzen schwarze Schmetterlinge, und das Hereinbrechen einer Katastrophe scheint einen Augenblick lang möglich. Schade nur, dass «Die Kur» hier endet. Aber wer weiss – vielleicht ist es ja erst der Anfang?

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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