Alice hinter den Spiegeln

«Vier Uhr nachmittags, und jemand hat ein Glas Wein vergossen – es kriecht über das Tischtuch und verbreitet sich zu einem Muster von trübsinnigem Rot – es ist Morgen im Land der Bohème.» – Djuna Barnes: Die Bohème, von nahem besichtigt

Alice hinter den Spiegeln

Manchmal wenn erfolgreichere Bekannte oder Freunde von früher bei einem meiner jeweiligen Nebenjobs in der Bar oder an der Kinokasse auftauchen, an einem Abend mehr ausgeben, als ich an drei Abenden verdiene, mich über mein Leben ausfragen, bewundernd oder mitleidig, überlege ich, ob und wann bei mir etwas falsch gelaufen ist. Die Leute schwärmen von Berlin, wo sie gerade ein langes Wochenende verbracht haben, von all den Künstlern und Kreativen, la vie de la bohème, ein befreundetes Paar hat da auch gerade noch rechtzeitig eine Wohnung gekauft, und ich erkläre ihnen, was Hartz IV ist. Nur selten wache ich nachts auf und denke an die Rente, die ich nicht haben werde.

Erst letzthin habe ich aber an Alice gedacht. Ich las Djuna Barnes’ «Nightwood», ein wunderbares Buch über Liebe und Projektion, über die Bohème und die Nachtseite der Welt. Vor gut fünfzehn Jahren wohnte ich ein halbes Jahr in New York bei einer gut sechzigjährigen Künstlerin namens Alice in deren riesigem unrenoviertem Loft in Chinatown. Alice hatte bessere und schlechtere Tage. Oft erzählte sie von der goldenen Zeit der frühen Achtzigerjahre, als sie im Loft einen Kunstsalon führte und als Jean-Michel Basquiat, John Cage oder Sonic Youth bei ihr ein- und ausgingen, wovon die schlecht kopierten Flyer zwischen den vielen unterschiedlich verglasten Spiegeln zeugten. Ich wohnte zuerst auf einer der durch Leintücher oder Bambusparavents abgetrennten und mit Futonmatten ausgelegten knapp drei Quadratmeter grossen Parzellen, die Alice an Touristen und Künstler vermietete, neben mir schnarchten zwei Jazzmusiker aus Osnabrück, bis ich in das einzige Zimmer neben Alice einziehen durfte, das eigentlich zu teuer war für mich, weshalb ich täglich ein paar Stunden für sie arbeitete. Ihr eigenes Zimmer, das sich versteckt hinter einem der Spiegel befand und in das eigentlich niemand hineindurfte, war voll von Papier-, Kleider- und sonstigen Stapeln, vom Fussboden war nichts mehr zu sehen. Seit ihr Freund sich umgebracht hatte, hatte sie keinen einzigen Brief mehr geöffnet. Meine Aufgabe bestand nun darin, mit einem Müllbeutel die Stapel durchzuarbeiten, Briefe zu öffnen, Papiere zu sichten und Alice zu fragen, ob sie dieses oder jenes noch brauche, und neu sortierte Stapel zu produzieren.

Manchmal tanzte Alice mittags in der Küche zum Radio, das andauernd lief, weil sie die Stille nicht aushalten konnte, manchmal trafen wir uns nachts und tranken zusammen Campari, den sie «Camparai» aussprach und pur trank, wie ein bittersüsses Elixir. Wenn sie ihren BH über den Pullover anzog statt darunter, wies ich sie darauf hin, bevor sie das Haus verliess. Dann kicherte sie wie ein Mädchen, warf mir einen Blick zu, als hätten wir ein Geheimnis. Nach drei Monaten zog ich aus und verlor Alice aus den Augen. Nun aber, da meine Freundin Lili ein halbes Jahr in New York verbringen wird, google ich Alice und stosse neben einer Webseite, die sich immer noch auf dem Stand der Neunzigerjahre befindet, auf eine Crowdfunding-Aktion für Alice, die an multipler Sklerose litt und gestürzt war. Ein Käufer für das Loft würde gesucht, las ich. Alice doesn’t live here anymore. Auch das ist das Leben der Bohème.


Stefanie Sourlier
ist Schriftstellerin. Sie arbeitet u.a. in einer Bar in Zürich, in der sie Begegnungen und Geschichten zu dieser Kolumne inspirieren. Zuletzt von ihr erschienen: «Das weisse Meer» (FVA, 2011). Stefanie Sourlier lebt in Zürich und Berlin.


Manhattan 

 

4 cl Rye Whiskey (oder Bourbon)

2 cl roter Vermouth (z.B. Antica Formula oder Punt e Mes)

2 Spritzer Angostura Bitter


auf Eis gut rühren und in ein vorgekühltes Cocktailglas abseihen. Mit einer Cocktailkirsche dekorieren.