Aus der Enge der Berge

Nicola Reiter: Firn – Aufzeichnungen am Gletscher. Leipzig: Spector Books, 2012.

Wer entflohen ist, der wird hier eingeholt. Von allem und allen. SAC-Hütten sind für viele der Gipfel im Bergerlebnis. Für andere der scharfzahnige Felskamin, durch den man sich zwängen muss, auf dem Weg zum ersehnten Panorama. In den Stuben der Schutzhütten verdichtet sich allabendlich die alpine Welt. Hier stossen sie aufeinander, das hightechverliebte Transa-Publikum auf die RS-Nostalgiker, die Kratzwolldeckenfetischisten auf die Seidenschlafsackverwender, die Gebirgsathleten auf die Hosenträgerschwergewichte, die Wandervögel auf die Schluckspechte, die Kachelofenkuschler auf die Stinksockenaufhänger, die Hochleistungsbesserwisser auf die Jägerlateiner, die Horrorgeschichtenrauner auf die Rega-Kandidaten, die Survival-Apostel auf die Kartoffelstock-Seeli, die Abendrotschwelger auf die Handynetzsucher, die Deosprayer auf die Fensteraufreisser, die Piepshandys auf die Dezibelschnarcher, die Tabakschnupfer auf die Graskrümler, die Klettergurtklingler auf die Steigeisenverhedderer, die Bergführer auf andere Bergführer – und alle treffen sie auf den Hüttenwirt, den König dieses Bergreichs. Er bestimmt, ob man hier oben einen Kasernenhof antrifft oder das heimelige Ofenbänkli. Ob es aus dem Backofen duftet oder aus den Skischuhen. Ob die Stube mit Bergphotographien verziert ist oder mit handgeschriebenen Befehlszetteln. Es gibt Hütten, in die kehrt man immer wieder zurück, andere verlässt man mit einem Gefühl der Dankbarkeit selbst im rauhen Gegenwind der dunkelsten Stunden vor Sonnenaufgang. Aber was ist mit denen, die zurückbleiben, deren Bergwelt die Enge ist und der Spültrog, die Abend für Abend die rotglühenden Felszacken durch die beschlagenen Scheiben ihrer Grossküche betrachten oder auf kleinen Feuern Suppen für die Sonnenverbrannten, Durchgefrorenen, Dankbaren bereiten? Nachzulesen ist solches in launigen Anekdotensammlungen, die ihren Unterhaltungswert auch in Buchform erst nach dem Genuss von mehreren Zwetschgenlutz zu entfalten vermögen. Eine ganz andere Lektüre erwartet uns dagegen in der Neuerscheinung «Firn» von Nicola Reiter, einem Journal, das mit jeder Seite fesselnder wird. In formaler Strenge notiert die Autorin ihre zwei Monate als Gehilfin in einer nicht näher bezeichneten SAC-Hütte. Sie hat eine schlechte Saison erwischt. Zäher Nebel legt sich über den Berg und seine beiden ständigen Bewohner. Die vielen Tage ohne Gäste geraten zur Laborsituation für den Lagerkoller. Der Hüttenwirt im Muskelshirt, selbstsicher nur in der pedantischen Abfolge seiner gewohnten Arbeitsabläufe, versinkt in einen Winterschlaf vor dem Fernseher. Die Gehilfin lehnt sich mit Ritualen gegen das Nichts der Tage auf. Die tägliche Photographie trotz allem. Die Notiz zum Wetter, zur spärlichen Zahl der Gäste. Das Kneten des Brotteigs und die Fluchten in die felsenfeindliche Umgebung aus Steinschlag und rumpelndem Gletscher. Abends stummes Kartenspiel, morgens nervendes Gepfeife auf der Schwelle zum Mordmotiv – doch auch auf diese Weise kommen sich die beiden Insassen nicht näher. Bald schon zählt das Journal nicht mehr die verbrachten, sondern die noch verbleibenden Tage. Ab hier scheint dem Leser alles möglich. Vorahnungen aus polaren Expeditionsberichten überkommen einen, dunkle Sagen wehen aus der Erinnerung herauf, doch nichts von alledem geschieht. Heimlich verbrennen die beiden Müll an einer verborgenen Stelle und kehren schweigend zur Hütte zurück. In Firn spitzt sich kein Ereignis zu, sondern die Spannung. Bis zum beinah unerträglich konsequenten Schluss mit den lückenlosen Listen des Inhalts einer jeden Schublade der Hütte. Das Journal wird zum Abgrund. Die Autorin folgt ihrem strengen Konzept bis zum Ende und bannt eine beklemmende Atmosphäre, ohne dabei den Humor oder den Respekt zu verlieren. Firn ist keine nachträgliche Abrechnung geworden, sondern faszinierend unheilvolle Literatur. Vieles hätte geschehen können in diesem Sommer, passiert ist dieses grosse kleine Buch.