Micieli reist

Bern – Schwäbisch Gmünd: 4 Stunden, 34 Minuten

Bücher sind ein grosses Wunder. Sie können sich sogar einer Reise anpassen. Ich hab’s häufig erlebt: Die Bücher führen dich. Es ist Sonntag. Ich sitze im
Zug nach Karlsruhe, um von dort aus nach Schwäbisch Gmünd zu gelangen. In meiner Tasche habe ich: 1 Pullover, 1 Schirm, 1 Vortrag. Und den neuen Gedichtband von Jürgen Theobaldy. Suchen ist schwer (Verlag Peter Engstler). Das Buch liegt schön in der Hand, erhaben, könnte man sagen, und ist im Jackentaschenformat gefertigt. Ein Begleiter durch einsame Gassen, ein Stadtplan für Menschen, die einen Wortnavigator brauchen. Die Landschaft zwischen Bern und Karlsruhe lässt mich lesen. Wir kennen uns von den vielen Reisen. In Freiburg setzt sich eine Frau zu mir und stellt sich als Nadine Benz vor. Grossartig, die Höflichkeit der Deutschen!

«Und ob es doch sein Gutes hat; / die Hüte in die Stirn zu ziehen / und neben herzugehen am Fluss, / auf dem die Hölzer treiben, / weg von den Ärmsten dieser Erde / mit ihrem Sinn für frohe Farben.»

Diese Gedichte versöhnen mich mit der Welt und doch sind sie – an so einem weichen Tag – sehr scharf. Ich weiss nicht, welches Mittel drin ist, aber es wirkt! Ich könnte alle umarmen, auch Frau Benz. Nach Stuttgart werden die Wolken schwer und dunkel. Landschaft wie aus der Schweiz importiert. «Der Fahrtwind zieht, er kühlt den Tee / die Luft schmeckt ländlich fad.» Die Gedichte sind leuchtende Tropfen. Sie bleiben auf meiner Haut, beleben sie. Frau Benz schläft. Die Baustelle beim Bahnhof Schwäbisch Gmünd versperrt mir Sicht und Orientierung. Das Hotel sei nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, sagt die Einladung zur Konferenz. Über staubige Wege gelange ich zur Altstadt, die feiert Geburtstag. Niemand ist unterwegs, der Fremde ist sehr fremd. Und ich stelle mich in ein Café. Und lese.

«Sie steigen hinterm Hügel hoch, / versilbert von der Abendsonne / und immer um dieselbe Zeit, / aus Mailand wohl, aus Rom.»

Wieder draussen. Ich verirre mich für eine gute Regenstunde. Als ich das Hotel finde, ist es ganz nahe beim Bahnhof. «Suchen ist schwer», sagen mir die Gedichte von Theobaldy. Hinter einem Fenster glaube ich Frau Benz zu sehen. Sie lacht.