Alex träumt

Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. München: Hanser, 2013.

Alex träumt

Zürich Hauptbahnhof, November 1924: Laura d’Oriano, das dreizehnjährige Mädchen, das im umgeleiteten Orientexpress Zigaretten raucht. Der neunzehnjährige Felix Bloch, der vor vier Monaten die Matura ablegte und auf Wunsch des Vaters an der ETH Maschinenbau oder Ingenieurwissenschaften studieren soll. Emile Gilliéron, Kunstmaler, dessen Vater gleich hiess und dasselbe tat wie er. D’Oriano wird 1943 – als einzige Frau – im faschistischen Italien hingerichtet. Felix Bloch half den Amis, die Bombe zu bauen. Gilliéron schliesslich rekonstruierte mit dem Vater Fresken in Griechenland. So viel zur Ausgangslage. In drei Teilen also die drei nebeneinander erzählten Geschichten von drei Figuren, die nichts miteinander gemeinsam haben, ausser der Tatsache, dass sie sich mal in Zürich begegnet sein könnten.

Nach dem frühen, zumindest geographischen Kreuzen ihrer Lebenswege ist – realiter wie im Roman – wieder jeder für sich und geht seinen Weg. Und der Rezensent fragt sich, ob die Geschichten deshalb nicht besser einzeln, und ohne dieses bemühte Aufeinandertreffen, erzählt worden wären. Alex Capus verfasst sie in der Rückschau eines auktorialen Ich-Erzählers, der immer wieder gerne aus dem Off kommentiert, wobei dessen anstrengende Einwürfe für die Story selbst null Relevanz haben: Ob der Erzähler das Mädchen nun mag oder nicht, ob das jetzt ein Zufall gewesen sein könnte oder nicht, an welcher Stelle er gerne dabei gewesen wäre – aus Geschichte wird zu oft Geschwätz. Und dieses geht zu Lasten der sonst schon eher dünnen Atmosphäre. 

Der «Tages-Anzeiger» nannte Capus trotzdem einen «Meister der Suggestion». Er habe sein eigenes Genre geschaffen, den historischen Roman. Einen, genauer, der nicht zu fetten Ölfarben greifen müsse, heisst es. Hier nun malt Capus die «Fakten», seine Skizzen aber, die behält er vor. Funkelnde Sätze sucht man deshalb vergebens, ebenso die Identifikationsflächen seiner Figuren. Es fehlt die Intensität. Eine Irritation, die blendet, schmerzt, begeistert, aufregt!? Ein neonfarbener Ölklecks, vielleicht hässlich, aber sicher quer über dieses Gemälde, das bloss bekömmlich, trotz des grossen Stoffes über 280 Seiten allzu amalgamiert daherkommt. 

Wenn das die grosse zeitgenössisch-deutschsprachige Literatur ist, von der die Schweizer Feuilletons reden und auf deren lockenden Ruf sein Verlag hofft – Capus’ Roman erschien in einer Startauflage von 100 000 Exemplaren –, stimmt das etwas ratlos. Nicht falsch verstehen: «Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer» liest sich durchaus süffig. Er hinterlässt aber an vielen Stellen den Nachgeschmack einer – ordentlich absolvierten – Klassenarbeit. Sauber recherchiert, in eine lesbare Form gegossen, fertig. Das ist schweizerisch nett – aber auch unerträglich harmlos.