Carter

Carter

Wie von selbst bogen die Füsse nach links, weg von der Stadt, liefen in die Dunkelheit hinein, aus dem Hafen heraus, bald wurde der Asphalt zum weichen Gekröse der Felder, in das ich einsank. Schwer, mit gespitzten Knien bei jedem Schritt bewegte ich mich voran, über den pilzbefressenen Raps, seine faulen Reste. Das Bier klatschte gegen die Bauchwand, Füsse wie Klötze, mit einer Fracht Dreck an den Sohlen stampfte ich geradeaus, lief dilettantisch, als hätte ich gerade erst das Gehen gelernt. Die Nacht hatte den Horizont verschluckt, den Himmel zur Erde gemacht, kein einziger Stern da oben, kein Mond, nur schwarz vor den Augen. Ich trat immer fester in die Erde, trat gewaltsam in ihr deformiertes Fleisch ein, mit einer wachsenden Distanz zwischen jedem Schritt, nahm Anlauf, kam mit der Ferse zuerst auf, bohrte sie in den groben Matsch hinein, immer tiefer, bis es mir in der Fusswölbung schmerzte, ging in die Knie und sprang ab, mit der anderen Ferse aufkommend, bohrte wieder den Absatz in die Erde hinein, aus dem gebeugten Knie holte ich zum nächsten Schritt aus, aber statt wie üblich aufzutreten, rutschte ich aus, fing mich im Fall, balancierte auf einem Fuss, während ich mit dem anderen nach einem Halt suchte, vergeblich. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel mit den Händen zuerst in den eiskalten Acker, mit dem Bauch auf die umgegrabenen Erdklumpen, die verhunzten Figuren, die ich mit meinem Gewicht plattgedrückt hatte, eine stach mir in den Solarplexus, ich wurde kurzatmig davon. Ich drehte mich auf die Seite, legte mich auf den Rücken, lag auf der Erde wie in der Erde, mit der völligen Dunkelheit vor den Augen, mit einer Dunkelheit, als hinge ein Deckel über mir, als wäre der Himmel über mir geschrumpft, geschrumpft und hart geworden, und, würde ich meine Hand anheben, stiesse sie gegen seine eisige Oberfläche, zu der die Nacht über mir erstarrt ist. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und stellte mich mit Mühe wieder auf, blies warmen Hauch auf die Fäuste, bis sie wieder zu Händen wurden, rieb mir den Dreck von der Haut, und da sah ich es, in der Ferne einen schwarzen Punkt, schwärzer als der Rest, der mich umgab. Ich klatschte in die Hände, lachte auf, schrill, schon zerrann es im Vakuum der Nacht. Eine Hütte, dachte ich, schob mir mit der blossen Hand die angelaufene Erde von den Sohlen und rannte los. Eine Hütte, ich sprang über die Klumpen, sprang, bis mir die Luft wegblieb, keuchte, blieb nicht stehen, sprang mit zu Blei gewordenen Füssen weiter vorwärts, bis der schwarze Punkt, der schwarze Punkt, die Hütte vor den Augen zu zerfahren begann, das schwarze Viereck zu seinem Hintergrund. Warme, ölige Strahlen rannen meine Wangen herunter. Das Salzige beizte die ausgetrocknete Haut, ziepte im Gesicht. Mit verdreckten Ärmeln wischte ich darüber, während der Schmutz das Ziepen noch schlimmer machte. Aber als die ersten Tränen aus den Augen gekommen waren, war das schwarze Viereck zurückgekehrt, wie ein Puzzle hatte es sich zusammengesetzt, das Zerlaufene zum Geometrischen zusammengeschmolzen. Ich heulte, aber lief, heulte kindesgleich und stampfte übers Feld, schluchzte auf, lief, jaulte, wie ich es seit Jahren, seit Ewigkeiten, nicht mehr getan hatte, wimmerte vor mich hin, mich hörte niemand.

Ich erreichte die Hütte und tastete die spröden Wände nach einem Eingang ab. Nachdem ich drei Seiten abgelaufen war, fand ich an der vierten eine Tür, die sich von der sonstigen Oberfläche abhob. Ich klopfte leise, klopfte mit Nachdruck, aber nichts schien sich drinnen zu regen, es schien niemanden drinnen zu geben, der es vernahm. Ich fand einen Spalt, der einmal mit einem Knauf gepfropft war, steckte zwei Finger hinein und zog an. Die Tür klemmte. Ich ruckte an ihr, mit der ganzen Kraft, die in den Fingern steckte, zog ich sie an mich, spürte, wie sie meinem Drang nachgab, schon krächzten die Scharniere, die Tür riss auf, schlug mit dem Rücken gegen die Aussenwand und fiel hinter mir zu.

Die Dunkelheit blendete. Ich war meinen Körper losgeworden, nichts, nicht einmal die eigene Hand, die ich vor meinem Gesicht zu halten glaubte, konnte ich erkennen, blinzelte ich, hielt ich die Augen geschlossen, stand ich, lehnte ich mich an. Ich sagte mir, ich fahre die Arme auseinander, und schon spürte ich Wandähnliches unter der linken Hand. Ich tastete mich daran entlang – nach zwei kurzen Schritten begann der Boden sich zu verändern. Es knisterte leise unter meinen Sohlen, ich ging langsam in die Hocke, die eine Hand an der Wand, tatschte ich unbeholfen am Boden herum, tastete fingerdicke Strohspäne, überall verteilt, sie häuften sich, je weiter ich in die Ecke vordrang, wuchsen zu einem menschengrossen Haufen an, ich kletterte auf meinen Vieren hoch, drückte mit den Fäusten eine Mulde ein und vergrub mich in die steifen, hohlen Halme.

Ich hatte nicht geträumt. Vielleicht war ich nicht mal eingeschlafen, nur weggedämmert. Ich öffnete die Augen, ich glaubte, meine Augen geöffnet zu haben, alles schwarz. Ich riss sie auf, spürte aber schon, wie die Lider sich schwer über die Augäpfel zogen, sich langsam über sie senkten, da erklang er schon wieder, der Auslöser, der mich ins Bewusstsein zurückgeholt hatte, es klopfte.

Es klopfte, wie mit einer winzigen Faust, eher einem winzigen Hammer, vielleicht nicht winzig, sondern einfach fern, klopfte aus der Dunkelheit, den Weiten des Raums, klopfte rasend, in kurzen, hüpfenden Tucks, wurde still. Ich hätte bis drei zählen können, und es fing wieder an, klopfte dreimal, klopfte fünfmal, wurde still. Leise hob ich die blutleeren Hände, legte sie mir aufs Gesicht, die Fingerkuppen in die Augenhöhlen, vier kalte Punkte an den Lidern, die Daumen an den Wangenknochen, dazwischen die Nasenspitze eisig, wie abgestorben. Ich öffnete den Mund und atmete in kurzen, schnellen Zügen in die Handkuhlen hinein, aber der warme Hauch brachte das Blut nicht in die Glieder zurück. Ich hörte den rasenden Puls, immer schneller und schneller, überholte in seiner Geschwindigkeit, in seiner Regelmässigkeit jegliche anderen Schläge, das Herz, der Muskelballen, der Blutbeutel zwischen den Lungen, ein lebendiges Ding, ohne Augen, ohne Mund, das in mir war. Ich hörte ihn, den kleinen, unförmigen Kopf, der Leben durch einen pumpte, ein Klopfen zum Taubwerden, es dröhnte in den Schläfen, jeden Moment hätte es aufhören können, dieses Lebendige, hätte einfach aufhören können, zu klopfen, zu zucken, zu pochen, auf jeden Schlag hörte ich, der der letzte sein konnte, jeder Schlag hätte der letzte sein können, davon hänge ich ab, von kurzen, dumpfen Schlägen, von einer Klopfapparatur, die ich in mir trage, die ich noch nie in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe, dem muss ich mein gesamtes Vertrauen schenken, dem Ding, das sich in mir bewegt, dem in trübes Bindegewebe eingelegten Stück zähen Fleisches. Zuckende Muskelpartien sind es, die ein Leben zur Folge haben, zuckende Muskelpartien, Zellen, Winziges, Nichtiges, aus dem Seiendes wird. Ein Zufall, dass es nicht aufhört zu schlagen, es könnte jeden Moment aufhören, könnte jetzt aufhören, könnte jetzt aufhören, könnte jetzt aufhören, ich spür doch schon, wie mir die Arme verkrampfen, wie es in der Brust zieht, der stumme, lange Schmerz. Ich formte die Hände zu einem Ballen, drückte die Nase, drückte den Mund in die Öffnung und atmete warm hinein, atmete ein, atmete aus, bis der Atem regelmässig wurde, bis mich die ausgehauchten Gifte zur Ruhe brachten, beinahe ohnmächtig werden liessen, und ich im Rhythmus des Klopfens, der kleinen, sich überstürzenden Schläge, für deren Ortung ich keine Kraft aufbringen konnte, wieder in Schlaf sank.

«Ich hechelte, ich japste, aber schon spürte ich ihn, den Druck, den ihre Hände auf meine Ohren ausübten, die Handwurzeln, die sich in die Wangenknochen hineinbohrten, warme Haut, warme, fremde Haut auf mir, sie drückte fester zu, es sauste in den Ohren, dann wurde es still, still, hohl still.»

Ein kehliges Krähen weckte mich auf. Vom Stroh nur leicht bedeckt, schlängelten sich auf dem Bauch dünne Zeilen weisslichen Holzmehls. Ich sah nach oben, es musste von der Decke abgeschneit haben – geschwungene Linien und Punkte zierten das Balkenholz, frisch ins dunkle Braun eingraviert. Von Ekel übermannt, sprang ich auf, begann, mir panisch auf die Kleidung zu klopfen, das Mehl vom Bauch abzustauben, wälzte mich selbst wie ein Ungeziefer im Haufen, versank im Stroh, unfähig, mich aufzurichten. In Angst, dass der Urheber herabfallen, der dicke, vollgefressene Holzwurm auf mir landen könne, auf das Gesicht, den Hals fallen und sich auf der Haut zusammenrollen, die kleinen Füsse, den fetten Körper zu einem Halbkreis rollen, zu einer Unform verkrümmen, um dann auf meiner nackten Haut zu versteifen oder sich in Angst und Verwirrung hin- und herzurecken, rutschte ich angewidert vom Strohhaufen herunter, klopfte noch währenddessen den Staub ab. Statt mit den Beinen aufzukommen, fiel ich auf die Kniescheiben, rieb, rieb vom Schmerz benommen an ihnen, schloss meine Augen und warf den Kopf zurück. Um nicht schreien zu müssen, öffnete ich den Mund und hechelte tonlos, beugte den Kopf vor, legte die Stirn auf den Holzboden, die Hände auf den Scheitel, bis der Schmerz, der dumpfe, hohle Schmerz, sich aufgelöst hatte und ich mich endlich aufsetzen konnte. Dann sass ich. Auf dem Boden einer Scheune, keiner Hütte, einer Scheune, die zu einem Wohnraum umfunktioniert worden war. Auf den zum Lattenrost plattgedrückten Umzugskartons links in der Ecke lag eine lose Matratze, ein weisses, weissliches Laken drübergezogen, in der Mitte ausgebeult, folgte offensichtlich ihrer Eindellung. Aus den sonst am Fussrand zu einem Knäuel geballten Umzugsdecken hatte man ein Kissen geformt, rechts daneben eine Weinkiste zum Nachttisch zweckentfremdet.

In der Ecke, an der Wand gegenüber dem Bett stand ein kleiner Schreibtisch. Sieben, acht, zehn Schritte, und bei jedem knackte das Stroh unter den Füssen. Ich fuhr über die Oberfläche der Platte, die jedes hinzukommende Staubkorn in die dicke Schicht Dreck und Altersschmalz aufnahm, die Fingernägel holperten über die Einritzungen fremder Initialen, dilettantisch gezogener Linien und Striche, eingekerbte Kreise aus Kronkorken, eingefrorene Bewegungen. In der linken Ecke stand ein zugedrehtes Einmachglas, in der gelblichen Siffe schwammen Kippenstummel wie in Formaldehyd eingelegte Missgeburten. Alles wie unbewohnt, seit Ewigkeiten verlassen, nur Spuren einer Anwesenheit. Aber dann das, eine dickhäutige, grossporige Orange, vollgepumpt mit ätherischen Ölen, lehnte am Glas, das sie vom Herunterrollen bewahrte. Ob das zurückgelassene Leben und sie zusammengehören, ein und derselben Person gehören, fragte ich mich, und schon war ich dabei, der Frage ein grosses Stück näherzukommen, als ich jemanden draussen über einen metallenen Eimer stolpern hörte.

Ich schrak auf. Einen Moment lang war es totenstill. Schon wollte ich das Wahrgenommene, das Gehörte anzweifeln, als es dann gleich wieder kam: Draussen quietschte der Wasserhahn, da, auf der anderen Seite der Wand mir gegenüber, ging an, spuckte zischendes Wasser, brausendes, das plötzlich unterbrach, es änderte seinen Verlauf, den Klang, zischte wieder, setzte aus, zischte. Hände, dachte ich, Hände, die den Strahl brechen mussten, ich sah es vor mir, hinter der Wand war jemand, der sich wusch, jemand schöpfte das kalte Wasser ab und trank es aus der hohlen Hand, jemand stand da, hinter dieser Wand, ein Jemand. Mein Atem stockte, der Hahn quietschte wieder, wurde abgedreht.

Draussen wieder keine Schritte, kein Geräusch. Nicht die geringste Regung.

Ich huschte durch den Spalt, den ich mir behutsam aufgedrückt hatte, die Scharniere knarzten dabei leise auf, ich verharrte an der Wand. Kein Ton, nur Atem, in dem Rachen Puls. Die Zunge unter dem Gaumen verquollen und walschwer. Geräuschlos um die Ecke, still, kein Schritt, kein Knacksen, kein Schmatzen im Matsch. Mir graut vor Windmühlen, dachte ich, eine hundsgemeine Einbildung, dachte ich, aber bevor ich auf die eigenen Beschwichtigungen hören konnte, stand sie vor mir, wie aus dem Nichts, die schwarzen, leuchtenden Pupillen wie ins blasse Gesicht gesteckt, das struppige dunkle Haar in Strähnen, mit denen der Wind die Züge ausstrich. Das Wasser lief ihr noch von der Lippe, sie wollte es sich gerade mit dem Ärmel von dem Mund wischen, erstarrte aber, als sie mich sah. Langsam fuhr sie den Unterarm vor die Lippen und trocknete sie am schwarzen Filz ab, ohne den Blick von mir zu lassen.

Ich sass auf der Matratze und schnappte nach Luft. Der Brustkorb ging hoch und runter, nicht genug, nicht genug Sauerstoff. Ich versuchte mehr zu schöpfen, atmete in die Lunge, bis die Atemzüge dichter wurden, immer dichter, bis die Rippen sich nicht mehr heben wollten, der Gaumen wölbte sich über die Zunge, höckerig und ausgezehrt, das Mundfleisch schwand, skelettierte sich ab, der Herzschlag war in die Schläfen übergegangen, ohrenbetäubend pochte es im weichen Kopf, die Hörgänge wie zugepfropft, nichts im Körper ausser Puls. In den Kuppen, in den Zehen, im Magen pulsierte es, in den Augen, ich hätte sie mir rausreissen wollen, die Augen, die Äpfel, hätte mir alles Aufzuckende, alles Hämmernde aus dem Gesicht reissen wollen, aus dem Körper, aus der Haut, aus dem Weichen, dem Fleischigen, aus dem Gallertartigen, aus allem, was sich öffnet und schliesst. Alles, was ich habe, alles, was in mir ist, ist mir zu Krankheit geworden, alles, woraus ich sehe, woraus ich atme, woraus ich spreche, alles, woraus diese Stimme erklingt, diese Stimme, in der ich lebe, in der ich sehe, in der ich atme, alles ist von dieser Krankheit verseucht, nichts ist mehr rein, nichts ist mehr real, ausser dem Gesicht mir gegenüber, das vom Wind zuvor ausgestrichene, herausgestrichene Gesicht, mit den schwarzen Iris, das ich nicht aus den Augen lassen kann. Nur wegen des Gesichts fallen sie nicht aus den Höhlen heraus, laufen mir nicht davon. Aber jetzt, jetzt zerfällt es vor mir, verdunkelt und zerrinnt, zerläuft in kleine leuchtende Punkte, das Gesicht. Ich hechelte, ich japste, aber schon spürte ich ihn, den Druck, den ihre Hände auf meine Ohren ausübten, die Handwurzeln, die sich in die Wangenknochen hineinbohrten, warme Haut, warme, fremde Haut auf mir, sie drückte fester zu, es sauste in den Ohren auf, dann wurde es still, still, hohl still.

Ich sass vor ihr, sass in ihrer hohlen Stille, die sie für mich inszeniert hatte, eine dicke Haarsträhne hinters Ohr gesteckt, die Augen auf mich gerichtet, den Mund geschlossen, voller Ruhe hielt sie mir das Gesicht. Blaue Adern schimmerten durch die Handgelenke und verliefen ins Nichts der Haut. Unter der Hand ein Strich, eine dicke Vene, anatomisch fehl am Platz. Ich strengte meinen Blick an, die Linie formte sich zu einer eckigen Klammer aus, eine eckige Klammer links, eine eckige Klammer rechts, die mich in ihrer Umfassung einschloss. Ich wandte meine Augen nach unten ab und heulte leise los. Sie liess die Hände von mir, ich senkte meinen Kopf, um sie vor dem Anblick der Grimasse zu bewahren, zu der mir das Gesicht zerfuhr, schloss die Augen, Warmes lief mir die Wangen herunter. Ich spürte ihre Berührung durch das hinten angeschorene Haar, wie sie gegen die Haarwuchsrichtung strich und wieder in ihr. Ihre Hand ruhte auf dem Nacken, bis ich aufhörte zu schluchzen, dann erhob sich Carter und ging hinaus.

Illustration: Nico Kast