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Auf der Suche nach der Utopie

Eine Kurzgeschichte.

Auf der Suche nach der Utopie
Antoinette Rychner, fotografiert von Mario Del Curto.

Gestern habe ich für CHF 176.70 alle sieben aufs Mal gekauft.

Unterwegs zu Swann  –  CHF 24.50
Im Schatten junger Mädchenblüte  –  CHF 26.90
Guermantes   –  CHF 32.50
Sodom und Gomorrha  –  CHF 25.90
Die Gefangene  –  CHF 24.50
Die Flüchtige  –  CHF 19.50
Die wiedergefundene Zeit  –  CHF 22.90

Heute Morgen finde ich sie wieder, auf dem Tisch, mit gut sichtbarer Flanke, aber ich beginne noch nicht, nicht gleich, nicht einfach, wie’s grad kommt.
Zuerst einmal im Büro anrufen.
Michi ist am Apparat: Wenn Corinne nicht an ihrem Pult sitzt, dann nimmt immer er ab.
– Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich heute nicht kommen kann.
– Bist du krank?
– Alles in Ordnung bei mir, danke. Ich habe beschlossen, Proust zu lesen.
– Mit Proust meinst du…?
– Na, das Hauptwerk. Die «Recherche». Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
– Ach ja! Die «Recherche». Super, Alter, super.
Michi ist nicht mein Freund. Er nennt mich nie so; ich glaube, die «Recherche» hat ihn aus der Bahn geworfen.
– Super, Alter, alles bestens. Schönen Tag noch.
– Ja, klar, Michi. Dir auch.

Ich lege auf, und mit dem Gedanken, den ersten Band an mich zu nehmen, gehe ich aufs Klo, um mir die Hände zu waschen. Weil, immerhin, Proust ist nicht irgend… Es klingelt. Michi hat eine Rückfrage:
– Hör mal, um welche Ausgabe geht es eigentlich?
– Die Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp Taschenbuch.
– Ungekürzt, wenn ich recht verstehe?
– Ganz richtig, Michi. Und nun sollte ich aufhören. Zeit, loszulegen.
– Wie lange wirst du denn brauchen, für die «Recherche»?
– Wie meinst du das, wie lange?
Einige Sekunden Stille, während derer ich, unter dem Vorwand der Verblüffung, blitzschnell abzuschätzen versuche: Siebenhundert Seiten ungefähr pro Buch, das macht…
– Bist du noch da?
– Ja.
– Heisst das, du hattest dir das gar nicht überlegt?
– Sagen wir mal, bei einem Durchschnitt von zwei Minuten pro Seite…
– Pass auf! Dieses Dreckszeug ist klein gedruckt…
– Stimmt, – ich reagiere nicht, denn ich weiss, dass «Dreckszeug» bei Michi nicht so negativ gemeint ist, wie es tönt – sagen wir mal, ich brauche für eine Seite durchschnittlich drei Minuten, das macht ungefähr zweihundertfünfzig Stunden oder zehn Tage.
– Und die Pausen, Alter? Du wirst doch auch schlafen müssen.
– Die Pausen… natürlich! Sagen wir mal fünf Stunden pro Nacht, plus eine Stunde zum Essen, Morgen und Abend inbegriffen, dann macht das achtzehn nutzbare Stunden pro Tag, bei diesem Tempo sollte ich vierzehn Tage brauchen für die «Recherche».
– So ist es doch gleich realistischer.
– Absolut.
– Siehst du also eine vierzehntägige Abwesenheit vor? Ich dachte, du hättest dieses Jahr deine ganzen Ferien schon eingezogen.
– Ich denke, ich werde wohl kündigen.
– Du kündigst? Um die «Recherche» zu lesen?
– Was sein muss, muss sein.
– Wovon willst du denn leben? Die Arbeit liegt nicht gerade auf der Strasse.
– Ach… in Gesellschaft von Proust…
– Corinne meint, es gäbe vielleicht eine Lösung, Alter. Soll ich sie dir geben?
Bevor ich antworten kann, habe ich schon eine vertraute, fürchterlich hohe Stimme im Ohr, die mir erklärt, dass ich berechtigt sei, ein Stipendium zu beantragen. Doch, doch, genau. Beim Literaturamt.
– Wenn du deine Bewerbung ordentlich präsentierst…
– Das wäre eine Idee. Danke jedenfalls für den Tipp.
– Gerne! Weisst du, wir sind alle sehr beeindruckt. Aber hallo. Viel Glück!
– Klar, Corinne. Schönen Tag noch.

Die Bücher sind immer noch da, blauviolett wie reife Pflaumen, bündig wie kleine Ziegelsteine. Ich fahre mit dem Zeigefinger über ein mattglänzendes Cover und ziehe ihn dann ruckartig zurück, wie bei plötzlicher Gefahr. Die Nummer des Literaturamts.
– Art und Inhalt des Projekts?
– Ein Leseprojekt.
– Einen Moment bitte.
Zum Glück läuft keine Wartemusik in der Zentrale. Ich höre nur ein kurzes Summen, dann, nach minutenlangem Knistern:
– Lesestipendium, Severina Gonzalez, was kann ich für Sie tun?
– Guten Tag, ich rufe an wegen eines Gesuchs um Unterstützung.
– Ohne schriftlichen Antrag kann keine Bewerbung…
– Ich möchte nur einige Informationen.
– Um welchen Autor geht es?
– Proust. Marcel.
– Haha! Proust! Sie Witzbold! Proust! Die Lesestipendien, mein Herr, werden normalerweise an Leser vergeben, die einen zeitgenössischen Autor in Angriff nehmen.
– Einen zeitgenössischen?
– Einen anspruchsvollen Autor, der Mühe hat, sein Publikum zu finden, wenn Sie lieber wollen. Die Tatsache, dass ein Werk umfangreich ist, rechtfertigt noch nicht per se die Gewährung eines Lesestipendiums.
– Kurz gesagt, mein Gesuch hat keine Chance?
– Sie können natürlich einen schriftlichen Antrag stellen, aber seien wir ehrlich… Nun, es gibt da noch das spezielle Stipendium «Aneignung von Klassikern». Aber ich sage es Ihnen lieber gleich: Diese Kategorie sieht vor, dass der Stipendiat die Gesamtheit der Sekundärliteratur über ein bestimmtes Werk zur Kenntnis nimmt. Also, für die «Recherche»… Haben Sie einen Moment Zeit?
– Ja, bitte.
– Proust, hier ist es. Laut der aktuellen Liste des Departements müssten Sie folgende Werke gelesen haben:
– Georges Boulanger, Marcel Proust. Vom Zwieback zur Madeleine. Aus dem Französischen von Helmut Waffel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986.
– Gilles Deleuze, Proust und die Reichen. Aus dem Französischen von Henriette Beese. Berlin: Merve-Verlag, 1993.
– Alain De Longbottom, Mit Proust zu einem zeitgenössischen Snobismus. Eine Anleitung. Aus dem Französischen von Thomas Mohr. Frankfurt am Main: Fischer, 1998.
– Edmond Jaloux, Proust. Viel Lärm um nichts. Aus dem Französischen von Roger Stiller, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1972.
– Werner Lost, Räume der Einsamkeit bei Marcel Proust. Berlin: Insel, 1982.
– Rainer Moritz, Marcel Proust für Boshafte. Mit einem Vorwort von G.E. Main, Zürich: Kein & Aber, 2009.
– Gottfried Warning: Marcel Proust – Schreiben ohne Ende…
– Handelt es sich um ein sechsmonatiges Stipendium bei dieser Ausschreibung?
– Das Stipendium «Aneignung von Klassikern» finanziert nur die Zeit, die das Primärwerk in Anspruch nimmt.
– Vielen Dank, Frau…
– Gonzalez. Severina. Und vergessen Sie nicht: Zuallererst der Antrag, schriftlich.
– Jaja, der Antrag. Vielen Dank nochmals und einen schönen Nachmittag.

Erneut schaue ich sie an, meine sieben Bände. Ich hole die Waage, und ohne einen bestimmten Grund beginne ich sie zu wägen. 286 Gramm wiegt Die wiedergefundene Zeit. 244 g ist Die Flüchtige. Nur 426 g für den dicksten Band, Guermantes. Wer hätte das gedacht? Ich frage mich, ob… Es klingelt schon wieder!
– Störe ich? Ich bin’s, Corinne.
– Ja?
– Na, was ist mit dem Stipendium?
– Ach so, ja. Das Stipendium. Ich fürchte, die Chancen stehen schlecht.
– Nur dass du’s weisst: Wir haben dem Chef noch nichts gesagt. Du kannst ins Büro zurückkommen, wann du willst.
– Danke, aber ich habe mich entschieden. Ich brauche mindestens vierzehn Tage und ich weiss, die gibt er mir nicht.
– Du könntest doch vielleicht, sagen wir… eine Seite pro Tag lesen? Abends, vor dem Einschlafen?
– Hältst du mich für einen Kleinleser?
– Entschuldige.
– Sag so was nie wieder, dumme Gans.
– Nach allem, was ich… / Ab sofort ohne mich, Corinne.

Wo war ich stehen geblieben?
Nun hab ich’s wieder: Die Dicke des dritten Bandes. Wie wär’s, wenn ich sie essen würde, einen nach dem anderen, unter langem Kauen der Papierfasern? Sorgfältig teile ich den Schnitt in zwei zufällige Portionen und spreize sie auseinander. Unter meinem Daumen, der ein wenig zittert, aber fest bleibt, versucht das kleinere der beiden Bunde sich wieder zu schliessen. Ich hebe das offene Blatt zur Nase und reibe es sanft daran: Pilz, Hefe und zum Anfassen die glatte Zartheit einer Oberfläche wie frisch aus der Wäsche.

– Ich beneide dich, Alter.
– Was? Das Zusammenschrecken lässt die 426 g Guermantes auffliegen und dann zu Boden fallen. Ich drehe mich um: Im Türrahmen baut sich eine Pyramide aus Konservenbüchsen auf, im wesentlichen Linsen mit Speck und Ravioli. Ganz oben bemerke ich auch längliche Formate, bestimmt Sardinen oder Makrelen in Olivenöl. Dahinter Michis breites Siegerlächeln. Er schwenkt die beiden Riesenpakete Toilettenpapier, die an seinen Armen baumeln, und verkündet:
– Vierzehn Tage, immerhin.
– Danke. Mir fehlen die Worte… Darauf muss man auch erst kommen.
– Wie ist’s gelaufen? Mit dem Stipendium?
– Scheint kompliziert zu sein.
– Verflixt. Hast du trotzdem vor, zu kündigen?
– Aber ja.
– Wusste ich’s doch. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich beneide. Ich würde es ja tun, weisst du. Wenn die Kinder nicht wären.
– Das glaub ich dir, Michi.
– Übrigens habe ich mir erlaubt, Sandra anzurufen.
– Wozu das denn?
– Na, um ihr zu sagen, dass es aus ist zwischen euch, was sonst? Wenn du achtzehn Stunden Lektüre pro Tag vorsiehst, dann hoffentlich ohne sie. Du glaubst doch nicht, du könntest die «Recherche» im Volltext lesen und dabei mit Sandra im Wald spazieren gehen, zum Fussballspiel, ins Kino und auswärts essen…
– Daran hatte ich auch nicht gedacht.
– Bist du jetzt sauer?
– Nein, nein, Michi! Man muss Prioritäten setzen, so heisst es doch.
– Ich habe ihr gesagt, ihre Sachen seien ab heute Abend vor deinem Haus. Brauchst du Hilfe?

Als wir damit fertig sind, die CDs, die Ordner, die Skier, den elektrischen Dampfgarer, den Computer, die Terrakottavase, den kleinen Korbtisch, den Hibiskus und den Kanarienvogel von Sandra auf dem Gehsteig zu stapeln, als wir das Doppelbett, die Plüschtiere, die Photoalbensammlung, die Mäntel (samt Garderobenständer) darüber geschmissen haben, als wir die letzte Socke aus der letzten Schublade gefischt und den Schminkbeutel direkt über dem Fenster zur Strasse ausgeleert haben, bis sein gesamter Inhalt über dem Haufen verstreut war, da neigt sich der Nachmittag dem Ende zu und Michi verabschiedet sich endlich.

Neben die Camping-Matratze, die noch mitten im Zimmer liegt, stelle ich zwei Konservendosen mit Makrelen, den Dosenöffner, eine Gabel und Haushaltpapier. Ich verriegle die Wohnungstür, schliesse die Läden, ziehe den Telefonstecker und vergesse auch nicht, die Batterien aus meinem Wecker und aus der Wanduhr zu entfernen. Ich wasche mir ein letztes Mal die Hände und hebe mutig den ersten Band hoch: Unterwegs zu Swann, CHF 24.50, 320 g, genau 720 Seiten.
Ich lege mich hin, breche leicht den Kartonwiderstand des Covers und lege dann das Buch in den Lichtkegel der Lampe, der kreisförmig aufs Laken fällt. Bloss nicht das Vorwort lesen.
Es ist so weit. Ich habe den Finger auf den Ausgangspunkt gelegt:
«Erster Teil. Combray».
Ein Abstand auf der Seite, dann, zu Anfang eines einheitlichen Blocks, den nichts durchbricht bis zum Seitenende, die allererste Zeile:
«Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.»
Die Beine anziehen, sich auf den Ellenbogen stützen, endlich die Welt verlassen.

Ausgezeichnetes Werk: «Le prix.» Paris, Buchet Chastel 2015

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