Claire Plassard und Florian Vetsch:
«Steinwürfe ins Lichtaug»

 

Dialoge zwischen Schreibenden, zumal poetische, können entweder im beinahe Verborgenen stattfinden, durch geheime Zeichen und klandestine sprachliche Gesten, lesbar nur für die am Gespräch Beteiligten. Oder sie ereignen sich als offener, gegenseitig fruchtbarer Austausch, als lustvolles Pingpong von Anregung und Replik. Letzteres trifft für den Gedichtzyklus «Steinwürfe ins Lichtaug» zu. Der Dichter und Gymnasiallehrer Florian Vetsch und die 30 Jahre jüngere Schülerin Claire Plassard trafen im Ergänzungsfach Philosophie aufeinander, und die Begegnung entzündete ein poetisches Feuer, das seinen Niederschlag in einem Doppeltagebuch aus 64 Gedichten (je 32 sind mit CP, je 32 mit FV signiert) gefunden hat. Der kleine, feine Band ist mit Illustrationen von Harald Häuser versehen und enthält ein schlüssiges Nachwort von Felix Philipp Ingold.

Den Auftakt macht FVs am 4. Oktober 2011 in Tanger verfasstes Gedicht «La Giralda», das Impressionen eines geographischen wie kulturellen Rundflugs skizziert, der von einem nach dem Minarett der ehemaligen Hauptmoschee in Sevilla benannten Café über die Place des Canons und das Teatro Cervantes hinaus «auf die Strasse von Gibraltar» führt. CP antwortet darauf mit dem Text «Spielpause», in dem sie die Runden zu Fuss – «& die Flügel verstaubt / & die Flügel verstaut» – weiterdreht, den -Guadalquivir und die Zürcher Kanonengasse überblendend. Oft schon in den Überschriften der Gedichte findet das Wechselgespräch in der Folge die Stichworte seines Fortgangs: «Brettspiel» hier, «Spielregeln» dort, «Engadiner Tage» hier, «Ja, dieses Hochtal» dort. Im Gedicht «Lichtaug» von FV, das der 2012 verstorbenen Journalistin Marie Colvin gewidmet ist (sie verlor 2001 im Bürgerkrieg in Sri Lanka ein Auge), heisst es: «Das Aus für die Colvin / War ein Aus für das Licht / Das ihr Eines Auge / Für alle anderen / Entzündet.» Diesem Poem voran geht der «Marie Colvin & den Ihrigen» zugeeignete Text «Kriegsjournalismus» von CP und dessen bittere Frage: «Schaut der Rest / Jetzt genauer hin / Vernimmt der Westen / Nun die Schreie –.» Die Tagebuchgedichte, die CP und FV einander dergestalt wie Gedankenbälle zuwerfen, behandeln Privates genauso wie Politisches, spiegeln Jahreszeiten und Orte und reflektieren immer wieder Dichter und Philosophinnen. «Das Leben / An den Start! Immer», ruft FV in einem seiner «Drei sommerlichen Haikus» und weiss zugleich: «Nur / Die Überzeugung von der Ungewissheit / Wird von der Wirklichkeit nie enttäuscht.» Der Skepsis und der Erfahrung des Älteren steht die Unbekümmertheit der mit erstaunlich -sicherer Hand schreibenden Jüngeren gegenüber. So fordert CP im Gedicht «Manifest der  Dichter» mit frischer Unerschrockenheit: «Auserwählte & Verrufene / Charmeure, Schwärmer & Fantasten / Her zum Schreibtisch kommet alle: // Auf in den Kampf / Mit Herz & Griffel.»

Claire Plassard und Florian Vetsch: Steinwürfe ins Lichtaug. Schönebeck: Moloko, 2015.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»