Das Individualistenkollektiv

«Ich bin. Ich denke. Ich will. Meine Hände… Mein Geist… Mein Himmel… Mein Wald… Diese meine Erde. Das sind die Worte. Das ist die Antwort.» Was wie das Gestammel eines zeitgenössischen Egozentrikers aus der Bausparwerbung klingt, stammt aus der Feder der US-Schriftstellerin Ayn Rand.

In ihrer 1938 erschienenen Novelle «Anthem» begegnen wir einer Zukunftsgesellschaft, deren Individuen von Gesetzes wegen untersagt ist, sich als Individuen zu verstehen. Das «Wir» wurde gewaltsam an die Stelle des «Ichs» gerückt, bleierne Schwere liegt über allem. Da entdeckt ein junger Mann durch Zufall das Wort «Ich». Der Anfang einer Befreiungsgeschichte.

Seit 1938 hat sich ziemlich viel verändert. Von Hedonisten und Egoisten ist heute allerorten die Rede. Der Wille zu Abgrenzung und Unterscheidung macht als Lebensentwurf der Generation der «Twentysomethings» (und darüber hinaus) Karriere. Allein, der «Generation 25+» geht es offensichtlich gar nicht so gut mit den neuen Freiheiten! In den deutschsprachigen Feuilletons stieg der Jammerpegel jener jungen Menschen kürzlich an, die sich in der Multioptionsgesellschaft nicht (mehr) zurechtfinden. Sie subsumieren sich selbst sogar wieder unter der ersten Person Plural: «Wir», die Generation der Unentschlossenen.

Diese neue Selbstzuschreibung derer, die in den letzten Jahrzehnten schwer damit beschäftigt waren, erwachsen zu werden (von, sagen wir, Bret Easton Ellis bis Nina Pauer), lässt einige Fragen offen: Handelt es sich hier um eine Literarisierung sozialwissenschaftlich belegbarer Phänomene – oder ist es genau umgekehrt? Und wer spricht da eigentlich für dieses neue Individualistenkollektiv, das in seiner literarischen Beschreibung den roboterhaften Zukunftsgesellschaften aus Rands, Orwells und Huxleys Welten in verstörender Art und Weise ähnelt?

Zeitgenössische Antworten gibt in dieser Ausgabe Newcomer Matthias Nawrat, dessen preisgekröntes Debüt «Wir zwei allein» als «Roman über eine Generation Unentschlossener» firmiert. Literarischen Flankenschutz erhält er von Zoë Jenny, deren «Blütenstaubzimmer» schon in derselben Schublade landete, und von Reynald Freudiger, der der Lethargie- und Sehnsuchtsdebatte die notwendigen Flügel verleiht.