Daniel Goetsch, photographiert von Annette Hauschild / Ostkreuz.

Canettis Schatten

Während des Studiums gewöhnte ich mir an, die freien Nachmittage im Kunsthauscafé zu verbummeln. Ich las mich durch einen Stapel Zeitungen. Das hielt ich damals für lebenswichtig. Der gläserne Anbau mit den Topfpflanzen, den Tischtüchern und den einsam vor ihrem Gedeck kauernden Weisshaarigen erscheint mir im Nachhinein wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht war es dieser Gegensatz, der mich reizte: das rasende Zeitgeschehen in Druckbuchstaben vor einer angestaubten, in sich ruhenden Kulisse.

Hin und wieder fiel mir dort ein Herr mit buschigem Schnurrbart auf, der mürrisch in seine Teetasse stierte, aber von den Kellnern, ausnahmslos Kurden und Libanesen, besonders zuvorkommend bedient wurde. Jedes Mal half ihm einer in den Mantel, und ich schaute der kleinen Gestalt nach, die an Rodins «Höllentor» vorbei davonwackelte. Als ich am 15. August 1994 die Nachrufe auf Elias Canetti las, wurde mir klar, wer der schnurrbärtige Herr gewesen war. Ein Literaturnobelpreisträger. Und ein vollendeter Exilant.

Grenzen, am eigenen Leib erfahren

Inzwischen gehöre ich selbst ein wenig zu den Exilanten. Im Jahr 2004 verliess ich Zürich, um in Berlin sesshaft zu werden, wie man sagt. Dass ich womöglich einem Trend folgte, konnte mir die Aufbruchsstimmung nicht verderben, noch kratzte es an meinem Selbstbewusstsein. Ich glaubte zu wissen, warum ich auswanderte: Überdruss zum einen, Neugier zum anderen.

Diese Gewissheit kam zum ersten Mal ins Wanken, als ich 2008 anlässlich einer Lesung im bulgarischen Ruse gefragt wurde, was mich bewogen habe, aus Zürich wegzuziehen. Für die Bulgaren mutete es absurd an: Jemand verlässt freiwillig die gelobte Schweiz, noch dazu Zürich, die Stadt, der sämtliche Umfragen bescheinigen, dass sie vor Lebensqualität überschäume, und wo angeblich das Geld auf der Strasse liegt. Ich flüchtete mich in eine Pointe, die soziologisch durchaus fundiert war: Ärzte, Ingenieure und Bankfachleute aus Deutschland würden nach Zürich ziehen, während im Gegenzug die Zürcher Kulturschaffenden nach Berlin auswanderten. Eine Art Bevölkerungsaustausch, scherzte ich. Der Balkan habe ja im letzten Jahrhundert ähnliches erlebt. 1913 seien die Türken in Bulgarien gegen Bulgaren in der Türkei ausgetauscht worden. Es wurde an dem Abend viel gelacht. Und über Literatur geredet. Und Wodka getrunken. Natürlich blieben die wesentlichen Fragen unbeantwortet.

Im Jahr darauf begegnete ich auf der Buchmesse in Frankfurt einer bulgarischen Germanistin, ausgerechnet einer Canetti-Spezialistin. Sie erwähnte meine scherzhafte Ausrede in Ruse. Was ihr an ihr missfallen hatte? Sie zeuge von der Arroganz eines Westeuropäers, der kaum je eine Grenze am eigenen Leib erfahren habe, schimpfte die Bulgarin. Und überhaupt. Sie kaufe mir den Wirtschaftsflüchtling nicht ab. Und die Denkfigur des selbstgewählten Exils finde sie einfach nur versnobt. Was mich wirklich aus Zürich vertrieben habe, wollte sie wissen. Im Rückblick bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob die Dame die Frage tatsächlich aussprach. Gut möglich, dass ich sie ihr von den Augen ablas. Jedenfalls setzte sie in mir ein peinliches Grübeln in Gang. Mir war, als müsste ich mir gegenüber Rechenschaft ablegen.

Vielleicht hatte ich in Zürich eine Lofteinweihungsparty zu viel erlebt, wo ich als einziger Schriftsteller unter lauter Medienleuten, Fotografen, Architekten und Grafikdesignerinnen angestaunt wurde. Wie niedlich. Wovon ernährt sich so ein Schriftstellerchen? Ich hatte dabei weniger das Gefühl, ein exotisches Tierchen zu sein, als vielmehr den Verdacht, mich ins falsche Gehege verlaufen zu haben. In Berlin dagegen fand ich mich in Kneipen wieder, wo mein Bekenntnis, zur schreibenden Zunft zu gehören, kaum ein Augenbrauenzucken auslöste. Mal wurde mitleidig gelächelt, mal mit einer Kinnbewegung auf Umstehende gedeutet: Dort sei auch einer, drüben eine preisgekrönte Autorin, am Tresen zwei weitere Kollegen. Mindestens ein Dramatiker oder eine Dichterin war immer irgendwo. So wurde ich vom Exoten zum gewöhnlichen Schreiberling, einem der unzähligen Namenlosen im urbanen Prekariat. Das war…

Das Weite suchen

Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge sollen die ersten gewesen sein, die unter «Heimweh» litten – Reisläufer, Söldner, die im 17. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt in Kriegen verdienten. «In der Brust schlägst du, Heimat, mir stets / Lässt sie pochen vor Freude und Lust», schreibt einer der vielen Tessiner Auswanderer nach Kalifornien 1881 an seine Familie in Broglio. Und heute? […]

gehen & kommen

nein heimweh hatte ich nie wenn ich weg war personen fehlten mir zuweilen die sprache in der ich zuhause bin da gehe ich mit goytisolo – ein autor ist nicht in einem land einem kulturkreis heimisch sondern in seiner sprache nein heimweh hatte ich nie   ich bereiste die ränder mich interessierten die abgründe die […]