«Literatur raschelt nicht nach Papier…

…für mich nicht – längst wäre ich ihr sonst davongelaufen.»

«Literatur raschelt nicht nach Papier…
Elsbeth Pulver (1957), zvg.

Im Jahr 1982 führt die Literaturkritikerin Elsbeth Pulver ein «imaginäres Gespräch über Literatur»1 in dieser Zeitschrift – genauer: deren Vorgängerzeitschrift, den «Schweizer Monatsheften». Darin versucht ein fiktiver Journalist, sie über ihr Verhältnis zur Literatur kritisch zu befragen. Und das Gespräch verläuft nicht gut, wie so oft, wenn ein Interview «besonders kritisch» sein soll. So fallen die Antworten Pulvers zunächst widerspenstig aus: «‹Das Buch – dein Freund› – das ist kein Satz von einem Leser, einem wirklichen, vielmehr eine hinterhältige Attacke auf ihn, ein Werbespruch, der die Ware Buch vermenschlicht, um den Käufer desto sicherer zu erwischen.» Und man fragt sich: Hätte Elsbeth Pulver nicht besser einen Essay zum Literaturbetrieb geschrieben? Eine Abrechnung mit dem sprachlichen Schindluder der Verlage? Oder ein Plädoyer für das «wirkliche» Lesen? Weckrufe aber sind nicht Stil der bereits gestandenen Kritikerin. In einer Zeit, in der jeder Autor eine Littérature engagée zu schreiben pflegte, über die mit der eigenen Person für höhere Ziele geworben wurde, pflegte Pulver ein Profil der Unaufgeregtheit. Dem lästigen Befrager entzieht sie sich immer mehr, schweigt ihn schreibend an. So ist dieses öffentlich inszenierte Selbstgespräch auch nicht vornehmlich Selbstdarstellung, sondern zeigt in seinem Scheitern auf, dass Literatur sich nicht festnageln lässt – und ist in diesem Sinne engagée für einen gebührenden Platz der Literatur im Leben. «Eine Art Lebenselement, ja, nichts weniger als das», notiert sie 1982 – lautlos, am Journalisten vorbei.

«Kein grosses Aufhebens machen.» «Nicht sagen: ‹Das ist jetzt der grosse Hit!›, auch wenn man es vielleicht gedacht hat.» So antwortet die 87-Jährige heute einer jungen Journalistin, die den Namen der Kritikerin aus dem Hausarchiv kennt. 148 Beiträge aus 37 Jahren auf 17 Karteikarten getippt – im Zettelkasten der «Monatshefte». Darauf die Namen: Hermann Burger, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Erika Burkhard, Kurt Marti, Gerhard Meier, Klaus Merz, Adolf Muschg, Hilde Domin. Ob er beim Gespräch dabei sein dürfe, fragt Urs Pulver, noch während er mich am Eingang des Alterszentrums abholt. Er erinnere sich manchmal noch besser an das eine oder andere als seine Frau und könne vielleicht etwas einwerfen. Gekommen bin ich in den ersten Tagen des neuen Jahres, um die Grande Dame der Kritik über die Hochzeiten der Schweizer Literatur zu befragen. All die Autoren, die in meiner Schul- und Studienzeit zur Pflichtlektüre gehörten, hat sie besprochen, oft als eine der ersten. Aber: spricht sie auch mit mir? Die Befürchtungen, Elsbeth Pulver würde sich dem Gespräch ähnlich entziehen wie im inszenierten Interview von 1982, werden gleich zur Begrüssung weggewischt: «Dass sich noch jemand dafür interessiert, wie wir das damals gemacht haben, damit hätte ich nicht gerechnet», sagt sie. Und schiebt nach: «Obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass es die richtige Art war.»

 

Wirklichkeit der Literatur

Elsbeth Pulver wurde 1928 in Zweisimmen geboren, besuchte das Gymnasium in Bern und fing 1947 an, dort zu studieren. 1954 promovierte sie bei Fritz Strich über Hugo von Hofmannsthal und dessen Beziehung zur Literatur. Ein Jahr später bestiegen sie und ihr Mann ein Dampfschiff in Richtung Amerika – sie hatten…

Viel Rauch um…
Photographiert von Stefan Kubli.
Viel Rauch um…

Meine Kritiker und ich haben häufig unterschiedliche Auffassungen von Literatur. Das ist gut so. Aber zuweilen geht ersteren der Fokus auf das, was eigentlich zählt, völlig verloren. Eine Kritik der Kritik.