«Der Text muss
durch dich hindurch»

Sich zurücknehmen, ohne zu verschwinden: Yla Margrit von Dach, die «Grande Dame» des literarischen Übersetzens in der Schweiz, berichtet von paradoxen Aspekten ihrer Arbeit und von Unterschieden zwischen der Literatur Frankreichs und der Romandie.

Frau von Dach, welche Fähigkeiten benötigt man, um Belletristik zu übersetzen?
Das literarische Übersetzen weist zwei gegensätzliche oder mindestens komplementäre Aspekte auf. Der eine sind Sprachkenntnisse und das Wissen um kulturelle Gegebenheiten, der andere ist die Intuition.

Konkreter?
Es gibt immer eine Wahrnehmung des Textes unter der Oberfläche von Sinn, Grammatik oder formaler Struktur. Und diese unterbewusste Wahrnehmung vertieft sich während der Arbeit: Während ich übersetze, lese ich einen Abschnitt unzählige Male. Bei der ersten Lektüre sehe ich mir an, was überhaupt dasteht und was der Sinn dieser Sätze ist. Dann gehe ich bei jedem Durchgang ein bisschen tiefer und es prägt sich mir etwas ein, das auf einer Ebene Resonanz findet, die nicht mehr ganz so verstandesbetont ist. Manchmal denke ich, dass das Gelesene in eine Art Sprachlosigkeit der Wahrnehmung absinkt, die nachher, wenn es sozusagen wieder an die Oberfläche zurückkehrt, das Verständnis beeinflusst.

Sie leben abwechselnd in Biel und Paris, übersetzen Texte aus der Romandie und Frankreich. Gibt es bedeutende Unterschiede zwischen beiden Literaturen?
Ja, durchaus. Ich erinnere mich gut daran, wie es war, als ich das erste Mal in Frankreich war: Wenn man von einem Buch sprach, dann immer von einem Roman und seinen personnages, seinen Figuren. Der Autor sagte dann, die Figur habe gemacht, was sie wollte, und er habe ihr mit seinem Schreiben nur folgen müssen. Man hat die Literatur also sofort auf eine psychologische Ebene versetzt, auf der sich die Leser mit den Figuren identifizieren konnten. In der Literatur, die ich aus der Westschweiz übersetzt habe, beispielsweise François Debluë oder auch Catherine Colomb, tritt das Psychologische oft in den Hintergrund gegenüber einem Umgang mit Sprache, der formale Elemente aufnimmt, und vor einer Bildhaftigkeit, die eben nicht mehr unbedingt psychologisch zu deuten ist. Schweizer Autoren betonen die formale Seite stärker. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass hier solche Literatur überhaupt rezipiert wird.

Wie verhält sich nun das Deutsche dazu?
Die deutschsprachige Literatur hat eine andere Herangehensweise an die Wirklichkeit. Das Deutsche hat etwas sehr konkret Bildhaftes: Wir sagen Birnbaum, und man sieht die Birne und den Baum. Die Franzosen sagen poirier, cerisier, cendrier oder marronier. Das Suffix ist schon kein Bild mehr. In dieser Hinsicht, und ich würde meinen, ganz allgemein, ist das Französische anders in der konkreten Realität verankert als das Deutsche.

Welche Auswirkungen hat das?
Es beeinflusst, wie man metaphorische Elemente verwendet und empfindet. Die Eloquenz des schönen Klanges wird in der Suisse romande immer noch sehr geschätzt und das lateinische Sprachgefühl goutiert gerne ein gewisses Pathos. Für deutschsprachige Leser muss die Emphase oft ein bisschen zurückgedimmt werden, sonst verrät man den Text. Als Übersetzerin muss ich immer auch bedenken, wie er aufgenommen wird.

Sie schreiben seit langer Zeit auch selbst. Wo liegen die grössten Unterschiede zum Übersetzen, wo die Gemeinsamkeiten?
Da komme ich wieder auf die unterbewusste Seite zurück, von der ich anfangs gesprochen habe. Wenn man einen Text schreibt, hat man zu Beginn das undefinierte Gefühl, etwas zum Ausdruck bringen zu wollen, und…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»