Richard Powers:  «Die Wurzeln des Lebens»

Richard Powers:
«Die Wurzeln des Lebens»

Unser Buch des Monats.

«Zuerst war da nichts. Dann war da alles» – so lauten die ersten beiden Sätze in Richard Powersʼ jüngstem Roman. Auf den folgenden 618 Seiten, unterteilt in die Abschnitte «Wurzeln», «Stamm» und «Krone», versucht Powers sichtbar zu machen, was dieses «alles» ist.

Da sind erst einmal die Wurzelteile: Acht Geschichten, acht mäandrierende Lebensläufe. Das verbindende Element in diesen Biografien: alle drängen sie über kurz oder lang in Richtung dieser magischen Gattung der Bäume. Da wäre Nick, Spross einer Farmerfamilie aus Norwegen, der mit seiner Begeisterung für die Kunst nicht so recht zur hart arbeitenden Verwandtschaft passen will. In Illinois pflanzt Mimis Vater bei ihrer Geburt einen Maulbeerbaum – der Baum der Seidenraupen, mit dem seine Familie ihr Vermögen angehäuft hat. Als dieser stirbt, greift er zur Pistole. Douglas, im «Stanford-Prison-Experiment» Häftling Nummer 571, fliegt später als Air-Force-Pilot Sprengstoff durch Südostasien. So lange, bis sein Flugzeug explodiert und ihm ein Banyan-Baum das Leben rettet. Fortan ist er als Heimatloser in der Weltgeschichte unterwegs. Olivia hingegen pflegt eher Kontakt mit Drogen, Sex und Partys als mit Bäumen – bis sie nach einem Stromschlag und 70 Sekunden ohne Herzschlag wieder unter die Lebenden zurückkehrt.

Das Kapitel «Wurzeln» birgt noch keine Schnittpunkte, es dient Powers als Startrampe für sein Mammutwerk. Erst im darauffolgenden Grosskapitel «Stamm» führt er die einzelnen Wurzeln zusammen, lässt Biografien aufeinanderprallen: Olivia nimmt – ihrer neuen Mission, der Bäumerettung, folgend – den Highway in Richtung Kalifornien. Auf dem Weg dorthin gabelt sie Nick auf, der noch immer seine selbstgeschaffene Baumkunst hortet. Bei Mimi erwacht der Revoluzzerdrang, als die Behörden ihre liebgewonnenen Ponderosakiefern fällen lassen. Diese Stränge verbinden sich, befeuern einander gegenseitig, ehe sie vom Leben wieder in alle Windrichtungen verteilt werden. Erst spät, fast an ihrem Lebensabend, holen ihre wilden Jahre die Protagonisten wieder ein.

Powersʼ Buch ist mehr als eine Liebeserklärung, es ist beinahe eine Hymne. An die Bäume, an ihre Überlegenheit über die menschliche Spezies, die sich ihrerseits allen anderen Lebewesen überlegen meint. An ihre Geschichte, die Unendlichkeiten zurückreicht und eine der gegenseitigen Unterstützung ist, wie sie der Mensch, wenn man Powers folgt, schon lange verlernt hat. Der giert sich, obwohl er es besser wüsste, geradezu in den eigenen Tod, weil er in seiner kurzlebigen, egoistischen Existenz gerade bis übermorgen denken kann.

Powers ist keiner, der Berührungsängste angesichts grosser Themen zeigt. Unerschrocken macht er die Komplexität der Wissenschaften nachttischtauglich und vermengt sie mit skurrilen Persönlichkeiten zu rasanten, energiegeladenen Romanen. Sein detailliertes, beeindruckend breitgefächertes Wissen trägt er in meist gerade richtiger Dosierung an die Lesenden heran. Manchmal aber findet sich in dieser Geschichte etwas viel Pathos, Esoterik und Übernatürliches, so dass man manche Passagen gerade in ihrer Ernsthaftigkeit beinahe belächeln muss. Auch Powersʼ Trennlinie zwischen Schwarz und Weiss ist überscharf: Hier die guten Menschen, die sich für die friedlichen Bäume einsetzen; dort die bösen, die an Motorsägen herumwerkeln. Mit welchem Typus Powers sympathisiert, ist klar; den anderen verteufelt er ebenso absolut.

In diesem ganzen, stets um Spannung bemühten Roman herrscht eine gewisse Vorhersehbarkeit, eine Blässe der Figuren, die sich auch durch deren radikale Handlungen nicht aufheben lässt. An vielen Stellen hätte Powers lieber etwas an Action zurückgeschraubt und sich an der Ruhe der Bäume orientiert. So hätte nach Beendigung der Lektüre auch seine Botschaft etwas tiefere Wurzeln geschlagen.

Richard Powers: «Die Wurzeln des Lebens». Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié. Frankfurt am Main: S.-Fischer-Verlag, 2018.