Die Anti-Pointen-Autorin

Bis zum Herbst 2010 hatten sie nur wenige Eingeweihte auf dem Zettel. Dann gewann sie den Deutschen und den Schweizer Buchpreis. Scheinwerfer, Interviews, Öffentlichkeit. Doch Melinda Nadj Abonji bewegen ganz andere Themen. Ein Gespräch über Szenen, Schlagworte und den literarischen Sog.

Die Anti-Pointen-Autorin

Frau Nadj Abonji, wie oft ärgern Sie sich über Journalisten, die Ihren Namen nicht richtig aussprechen können? 
(lacht) Überhaupt nicht mehr. Geärgert habe ich mich darüber vielleicht während meiner Uni-Zeit. Ich fand es lästig, den Namen dauernd buchstabieren zu müssen oder ihn falsch geschrieben zu sehen. Nun finde ich es eher schön, wenn die Leute versuchen, ihn richtig auszusprechen, oder sogar fragen, woher er komme.  

Nachdem Sie 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis für Ihren Roman «Tauben fliegen auf» bekamen, dürfte sich die Anzahl journalistischer Anfragen in Ihrem E-Mail-Postfach massiv erhöht haben. Inwiefern haben die Preise Ihr Leben sonst verändert? 
Man erkennt mich häufiger. Vor allem in Zürich. Ich bewege mich aber genauso wie früher, und falls Sie das meinen: ich fühle mich auch nicht wie ein Musikstar oder so. Das wünscht man sich ja auch nicht, wenn man schreibt.

Was wünscht man sich denn?
Eigentlich ist man als Schriftsteller ein Mensch, der etwas abseits lebt, viel beobachtet, denkt, empfindet. Die Öffentlichkeit ist dann eher störend, vielleicht sogar zunächst ein Schock. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass nun häufiger Dinge über mich geschrieben und gesagt werden, die einfach nicht stimmen. Vielen Journalisten geht es nur um Schlagworte: Immigration, Identität, Autobiographie. Und viele machen sich nicht die Mühe, genauer hinzusehen oder zu recherchieren – sie wiederholen nur noch, legen mich irgendwo ab. Das finde ich nicht nur ärgerlich, sondern auch langweilig. 

Schublade auf, Autorin rein, Schublade zu. So kommt man dann in die Kartei mit der Aufschrift «Migrationsliteratur» – was auch immer das ist.
Ja, was ist denn das eigentlich? (lacht) Sehr merkwürdig, dieses Labeling. Vielleicht können Sie mir das erklären?

Eine fragwürdige Behelfszuschreibung. Sie findet sich auch in der Literaturwissenschaft: letztes Jahr wurden mehrere Bücher veröffentlicht, die einen Blick auf die Migrationsliteratur in der Schweiz werfen und die «neuen» Autoren zu «integrieren» versuchen. Sie gehörten auch dazu.
Ich kann mit diesen nationalen Zuschreibungen und Vereinnahmungen nichts anfangen.

Deshalb haben Sie sich einmal augenzwinkernd als «serbisch-ungarische Schweizerin» bezeichnet?
Es schwingt nicht umsonst eine gewisse Ironie mit, wenn ich sage, dass ich eine «ungarische Serbin» bin. Trotzdem lesen viele das als Überbetonung meiner Wurzeln und übersehen die Ironie. So könnte ich auch sagen, dass ich eine serbische Ungarin sei. Und beides stimmt nicht.

Wie kommen denn Ihre vielen verschiedenen «Landsleute» nun mit Ihrer Bekanntheit zurecht? 
Das ist unterschiedlich. Was ich gehört habe, ist, dass sich in Ungarn Leute aufgeregt haben, weil ich mich nicht als Ungarin definiere. In Serbien hat man ebenfalls gesagt: «Die gehört doch zu uns!» Und in der Schweiz sowieso. Hin und wieder hat man mich als Zürcherin vorgestellt, was ich angenehmer fand. Denn was sagt man schon damit aus, wenn man jemanden einer Nation zuteilt? Im Grunde ja nichts! Zumindest, wenn man das nicht näher ausführt. Es kommt mir also nicht darauf an, welche Nation sich nun meine Buchpreise auf die Fahne schreiben kann.   

Vielleicht sollten die eifrigen Fahnenschreiber einmal Ihr Buch lesen…  
Oh ja. Wer das Buch gelesen hat, weiss, wie problematisch für mich nationale Zuschreibungen sind – und was sie generell mit einzelnen Menschen machen können. Wenn etwa ein Ungar in die jugoslawische Volksarmee eingezogen wird, um dann in Bosnien-Herzegowina für Grossserbien zu kämpfen, vielleicht zu sterben – das ist doch paradox! Und es ist stossend, wenn genau die Kategorien auf mich angewendet werden, die ich aufweichen wollte.  

Woran liegt es, dass sich nur so wenige Einwanderer hierzulande einen literarischen Namen machen? Immerhin liegt der Ausländeranteil der in der Schweiz lebenden Menschen zwischen 20 und 25 Prozent. 
Ich komme aus der sogenannten Arbeiterschicht, wie die meisten der wenigen Schriftsteller, die eine ähnliche Geschichte haben. Vielleicht kennt man noch Namen wie Agota Kristof, Francesco Micieli oder Dragica Rajčić – aber dann wird es bereits schwierig. Als Zugezogene hat man keine Kontakte zur Literaturszene. Es gibt keinen Onkel, der im Stiftungsrat Soundso sitzt. Keine Tante, die Verlegerin ist. Das ist völlig in Ordnung und kein Vorwurf an die etablierten Schriftsteller, die diese Netzwerke nutzen können. Für uns Zugezogene gilt aber: wir mussten uns unseren Ruf erarbeiten, ohne Hilfestellung etablierter Kräfte.

Gibt es eine eigene Szene, in der sich die – vielleicht vormals – Nichtetablierten treffen? 
Früher haben sich die Schweizer Autoren eher in eigenen Zirkeln getroffen, sich abgegrenzt von uns. Wir hatten keine Szene, kannten uns vielleicht nicht mal. Neuerdings ändert sich das ein wenig, wie mir scheint. Es hat eine Art Öffnung stattgefunden, die es auch den Neuen erlaubt, teilzunehmen. Bei öffentlichen Treffen beispielsweise, etwa in der Gruppe «Teppich», die sich in Zürich trifft. Bekanntere Namen treffen weniger bekannte Namen, treffen Publikum. Es steht jedem frei, zu lesen oder zuzuhören in dieser offenen Werkstatt. Gerade die Durchmischung gefällt mir.

Bleiben wir beim Publikum. Wie erfolgreich sind Sie beim sogenannten Durchschnittsleser?
«Tauben fliegen auf» war ein halbes Jahr auf den deutschsprachigen Bestsellerlisten. Man darf nicht vergessen, dass es in der Schweizer Bevölkerung, vor allem in der städtischen, zuhauf Menschen gibt, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich. Das sind diejenigen, die sich vielleicht primär angesprochen fühlen – und dann mein Buch kaufen. Die Themen Fremdenfeindlichkeit und Integration berühren aber auch Menschen mit anderem Hintergrund. Kürzlich habe ich mit einem SVP-Politiker eine spannende Diskussion gehabt, das ist doch etwas. (lacht) Der fühlte sich geehrt, mit mir an einem Tisch zu sitzen, was ich für völlig absurd hielt. Vielleicht sorgen die zwei Preise ja dafür, dass die plakative politische Ablehnung seitens mancher Zeitgenossen bald nicht mehr da sein darf…?   

Sehr optimistisch. Hier überschätzen Sie wohl die gesellschaftliche Relevanz der Literatur… 
Begriffe portieren Geschichte, sie prägen die Menschen, die sie benutzen. Wenn man also Einfluss nehmen will, handeln will, so muss man sich um die Inhalte der Begriffe kümmern. Ich versuche, Wörter abzuklopfen, die kopflos verwendet werden – um sie greifbar zu machen. Das ist Aufklärung. Bestenfalls gelingt es mir, den Blickwinkel meiner Mitmenschen zu verändern, indem ich beispielsweise frage: Was steckt hinter dem Begriff «Überfremdung»?

Verraten Sie es mir.
Nur so viel: wenn ich, die Ihnen gegenübersitzt, die Überfremdung bin, ist das Schlagwort plötzlich keines mehr! Der ehemals plakative Begriff ist nun gefüllt. Mit mir.

Er wird persönlich, ist nun mit einem Schicksal verknüpft. Wollen Sie sagen, die Schweiz habe ein Empathieproblem?
Viele Äusserungen in der Ausländerfrage, gerade die plakativen, bleiben bei uns unhinterfragt. Die Motive hinter der sogenannten Schwarzenbach-Initiative aus den frühen 70ern geistern bis heute durch den politischen Diskurs. Die Kampagnen gegen «die anderen» kanalisieren, so empfinde ich, bloss eine persönliche Unzufriedenheit, einen stillen Protest derjenigen, die Angst vor Veränderung haben. Und die Kampagnen sind keineswegs harmlos, wie man gerade im Ausland oft meint – vor allem nicht für direkt Betroffene wie meine Eltern, über deren Verbleib man am 7. Juni 1970 abstimmen durfte. Für das Buch habe ich imaginiert, wie es ist, wenn das eigene Leben derart in den Händen anderer liegt. Dabei kann man unmöglich apolitisch bleiben.

Die wenigsten wissen tatsächlich, wie das Leben der «anderen» aussieht. Wir wissen vermutlich nicht einmal, was das genau ist, das «ehemalige Jugoslawien». Bei all den Mehr- und Minderheiten verliert der Mitteleuropäer den Überblick. Aber kann man ihm das wirklich zum Vorwurf machen?
Es gibt ein Informationsdefizit, das aus einer Art mitteleuropäischer Überheblichkeit resultiert. Andersherum ist das Gegenteil der Fall: auf dem Balkan interessieren sich die Menschen sehr für ihre mitteleuropäischen Nachbarn. In der Schweiz aber glaubt man: wir haben die Demokratie, wir haben die Freiheit. Niemand kann sie uns nehmen. Das ist eine Illusion!

Geht es etwas genauer?
Wer von sich glaubt, im einzig richtigen System zu leben und bloss dadurch schon demokratischer oder intelligenter zu sein, der unterliegt einem Trugschluss, der auf Unwissenheit oder Desinteresse basiert. Dieses Denken führt zu Fehleinschätzungen wie zur populären Meinung, die ehemals kommunistischen Länder hätten bloss unterentwickelte und schlecht gebildete Leute hervorgebracht, die bis heute irgendwie ferngesteuert seien. Das ist nicht der Fall. Leider sind die Hemmschwellen und Abgrenzungsideen in Mitteleuropa so stark, dass man vielerorts nicht über den Tellerrand schauen mag, um gemeinsam etwas zu bewegen, voneinander zu lernen. Als Historikerin freut es mich da natürlich sehr, wenn sich nun viele Leser bei mir melden und plötzlich Interesse haben an dieser für sie fremden Welt, die nur 1000 Kilometer weit entfernt liegt.

Als Sprach- und Musikperformerin wecken Sie das Interesse für die Vojvodina, den Ungarisch sprechenden Teil Serbiens, auch auf den Bühnen der Schweiz. Ihre Auftritte mit Jurczok 1001 finden zweisprachig statt. Wie ist Ihre Beziehung zum Ungarischen?    
Mein Ungarisch ist primitiver als mein Deutsch, eher familiär und sinnlich geprägt. Und es ist eine Sprache, die sich in mir lange Zeit nicht weiterentwickelt hat. Als ich dann anfing, Musik zu machen, kamen mir die passenden Texte dazu plötzlich auf Ungarisch, ganz unvermittelt, frei – aber sicher nicht fehlerfrei. (lacht) Für die «Tauben» habe ich deswegen das Hochdeutsche um Elemente des Ungarischen bereichert.

Wie muss ich mir das vorstellen?
Das Ungarische kennt keine Unterscheidung zwischen Aktiv und Passiv. Dadurch existieren dort Redewendungen, die ich so treffend oder witzig finde, teils überraschend, und ich dachte: damit möchte ich arbeiten. Das Ungarische ist eine Sprache, die zudem alles in einem Wort ausdrücken kann. Es wird bloss dekliniert und angehängt. Durch diese Umstände ist das Ungarische für mich freier, und ich kann es frecher nutzen als das Deutsche. Es lässt mir mehr Raum. Die logische Konsequenz war, die eine Sprache die andere befruchten zu lassen, dem Deutschen also mehr Musikalität und Einfachheit anzudienen.  

Das Deutsche ist also zu schwer oder zu hart, um ausdrücken zu können, was Sie wollten?
Sagen wir es so: Mir fällt es leichter, ungarisch Gefühle auszudrücken. Auf Deutsch wirken sie oft kitschig, überladen. Das hat natürlich auch mit der jüngsten Sprachgeschichte zu tun, die eine Geschichte des Missbrauchs ist. Für meinen ersten Roman «Im Schaufenster im Frühling» entschloss ich mich deshalb, möglichst schmucklos in einer Art Magerdeutsch zu schreiben – um genau damit eine heftige Reaktion zu provozieren. 

In Ihrem zweiten Roman «Tauben fliegen auf» finden sich nun teils seitenlange Sätze, die sich einer eher unkonventionellen Interpunktion bedienen, verschachtelt sind und damit im ersten Moment verwirren. Das Magerdeutsch wurde auf eine gewisse Art zum Megadeutsch. 
Aber dann frage ich Sie: Konnten Sie folgen? 

Zu Beginn musste ich mich zwingen, das provozierte Satzzeichenstolpern zuzulassen. Hätte ich ein Faible für Syntaxkonventionen – schon auf Seite 10 wäre ich eher aufgeregt als angeregt gewesen. 
(lacht) Sehen Sie, es funktioniert. Satzzeichen sind das musikalische Element der Sprache, deswegen muss man mit ihnen vorsichtig umgehen, sie so einsetzen, dass keine Fehltöne und Brüche entstehen, wo man sie nicht brauchen kann. Es ging mir darum, dass das eine ins andere hinüberfliesst: Überlegungen, Beobachtungen, direkte Rede… 

…selbstverständlich auch die ohne Anführungszeichen.
Ja. Gerade Anführungszeichen setzen ab, unterbrechen, ordnen. Wir nehmen die Welt sinnlich ja auch zunächst nicht geordnet auf, sondern sie prasselt in vielen verschiedenen Tönen auf uns ein. Wenn ich das literarisch nachempfinden will, so kann ich keinen polierten Text schreiben, wie er in einem Schulbuch steht. Manchmal verliert man eben die Orientierung – der Leser muss dann selbst ordnen und verstehen. 

Aber auch hier gilt: das funktioniert nur, wenn der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Die Gefahr, am Leser vorbeizuschreiben, ist gross.  
Bestenfalls ergibt die geschickte Kombination der Sätze eine Stimmung, die nicht abreisst – einen Sog, der den Leser hineinzieht. Es interessiert mich ja nicht, kompliziert zu sein oder allen zu zeigen, wie schlau ich bin, dass ich diese Sätze bauen kann. Aber um die verschiedenen Themen – Entwurzelung, Hoffnung, Verlorensein, tiefe Liebe – in eine geeignete Form zu bringen, muss ich ihnen eine ganz eigene Sprache geben. Ich glaube, dass es immer eine bestimmte Sprache für ein bestimmtes Buch gibt. Es gibt nicht die Sprache, man muss eine passende finden. Und selbstverständlich muss der Leser bereit sein, ihr eine Chance zu geben.

Wie finden Sie diese Sprache? 
Es geht immer ums Ohr. Der Leser muss mithören können! Denn der Verstand ist ja eigentlich zu langsam. Er kommt spät, muss kommen – und im entscheidenden Moment ist das Umschalten von Ohr zu Verstand wichtig. Wenn ich zu schreiben beginne, denke ich dabei so wenig wie möglich. Denn wenn ich zu viel denke, wird das nichts.

Woher kommt dann die Initialzündung?
In den guten Momenten fange ich an, folge einer stillen Stimme, einer Bewegung ins Unbekannte. Und dabei versuche ich, meinen Verstand nicht überzustrapazieren. Ich suche keine Höhepunkte, bin also, wenn Sie so wollen, eine Anti-Pointen-Autorin.