David Bosc: «Ein glückliches Exil. Courbet in der Schweiz»

David Bosc:
«Ein glückliches Exil. Courbet in der Schweiz»

 

Ein leichtes Ziel für Spott und Klatsch dürfte der französische Maler im Schweizer Provinznest La Tour-de-Peilz den artigen Anwohnern abgegeben haben: Der Mann mit riesigem Bauch becherte den Chasselas schon zum Frühstück flaschenweise und führte augenscheinlich ein schandbar zufriedenes Leben in seiner Wohn- und Arbeitsgemeinschaft am Ufer des Genfersees. Solche und andere Bos- und Dummheiten des kleinbürgerlichen Blicks auf den Künstler nimmt David Bosc in seinem jüngsten Buch gerne auf, doch mit dem Ziel, sie lustvoll und energisch zu zerpflücken. In seiner episodenhaften Erzählung zu Courbets vier Schweizer Jahren (das Buch, das 2014 den Schweizer Literaturpreis gewann, ist dabei eigentlich kein Roman, wie es das Titelblatt will) ergreift Bosc samt und sonders Partei für den Maler. Kritik und Anwürfe überlässt er den anderen oder dann Courbets Gehilfen, dem Gesundheits- und Sportbolzen Alexandre Morel. Der aus Ornans stammende Courbet war 1871 Mitglied der revolutionären Pariser Kommune gewesen und wurde nach ihrer Zerschlagung für seine Mitverantwortung an der Zerstörung der Vendôme-Säule zu einer horrenden Schadenersatzzahlung verurteilt. Vor dieser floh er 1873 in die Schweiz, wo er lebte, bis er 1877 an der Leberzirrhose starb.

Aus Sicht der Kunstgeschichte mag die grösste Leistung dieser Jahre Courbets Trinkvermögen gewesen sein, Bosc allerdings sieht das anders: Mit Hingabe pinselt der Schriftsteller – der selber ein, allerdings freiwillig, in die Westschweiz emigrierter Franzose ist – das Bild eines Mannes voller Freiheitsliebe und Eigenständigkeit, der sich keinen Deut um die Konventionen seiner Wahlheimat schert und sich durch seine grosszügige und leutselige Art erstaunlicherweise trotzdem nicht allzu schlecht in sein neues Umfeld integrierte. Bosc mischt munter Fakt und Fiktion, ergänzt Biographie und Briefzitate mit Anekdoten und Imaginationen. Die Quellenlage weise genügend blinde Flecken auf, «um uns zu erlauben, das Mögliche und sogar das Wahrscheinliche hineinzuprojizieren, wenn es uns Freude macht», meint der Autor. Und diese seine Freude scheint er dabei wahrlich zu haben: Keine halbe Seite braucht er, um eine «prachtvolle» piemontesische Weinleserin mit schweren Brüsten ins Bild wippen zu lassen, die den Haushalt – und es auch Courbet – besorgt. Dabei gelingt es Bosc – trotz aller Derbheit –, das Portrait eines Mannes mit kindlichen Zügen zu zeichnen, der sich nicht nur den Damen, sondern auch der Natur in leidenschaftlicher Masslosigkeit hingab: Courbet stürzte sich mehrmals täglich zum Bad in den See, berauschte sich an der Natur, um sie sogleich in fast triebhaft scheinender Emsigkeit auf die Leinwand zu bannen.

Die eigentlichen Sternstunden dieser Hommage sind aber die scharfsinnigen Interpretationen von Courbets Werken, denen Bosc -Anhaltspunkte für seine biographisch-artistischen Träumereien entnimmt. So macht das Büchlein mächtig Lust, nicht bloss auf die Vagina des «Ursprungs», sondern auch auf die Nuancen der Wald- und Jagdbilder, der See- und Bergpanoramen, auf die Portraits, das von Courbets Vater oder dasjenige von Charles Baudelaire. Boscs ekphrastisches Talent fügt sich ein in einen durchweg malerischen Blick auf die Szenen und Landschaften. Seine Sprache ist dabei so ungezähmt wie ihr Gegenstand – und in ihrer Abenteuerlichkeit und Digressivität im französischen Original noch einen Tick eleganter als in Gabriela Zehnders im…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»