Niko Stoifberg: «Dort»

Niko Stoifberg: «Dort»

Liebevoll, präzise und anschaulich widmet sich Niko Stoifbergs Debütroman zwei verlorenen Seelen.

Ein Mann und eine Frau – so beginnen viele Geschichten. Diese hier startet damit, dass der Mann «wie der Blitz» spürt und sieht, dass es DIE eine ist, auf die er stets gewartet hat. Die Frau dagegen, die lebt einfach in ihrer Welt, macht sich keinen Kopf um diesen Mann, der ständig seine Bahnen um sie zieht. Business as usual? Romantische Verklärung? Männerkrankheit?

Ein selbst inszenierter Unfall vor den Augen der Angebeteten erweist sich für den etwas tollpatschig durchs Leben stolpernden Protagonisten als Glücksfall: Die Frau erkennt überhaupt erst, dass es IHN gibt. Dank seiner Präsenz und Geistesgegenwart schafft es der Mann schliesslich in die Küche seines Herzblattes, dessen kulturelle Beflissenheit ihn die Zukunft ganz in Rosa sehen lässt: «Abzüge an den Wänden, Früchte, Fleisch, Seeigel, Kaviar. Der grösste [sic!] gegenüber, sicher zwei mal drei, vier Meter gross, zeigt einen grünlich
gelben Apfel, und darüber steht in Schnürchenschrift: Ceci n’est pas une pomme. Ein Magritte-Remake als Foto. Der Apfel, rötlich angehaucht, ist freigestellt, allein auf Weiss, mit vier leicht schrumpeligen Blättern, die als Kreuz vom Stiel wegstehen, ganz genau wie bei Magritte.» Eine Romanze nimmt ihren Anfang. Dumm nur, dass der Start dieser Beziehung eine grausame Kehrseite trägt: Beim genannten Unfall findet ein Kind den Tod. Dies ist die Hypothek der Geschichte.

Liebevoll widmet sich Niko Stoifbergs Debütroman zwei verlorenen Seelen. Präzise und anschaulich erzählt der Autor die Geschichte von Lydia und Sebi Zünd, die so verschieden sind und sich dennoch so vieles zu sagen haben. Wie durch ein unsichtbares Band scheinen sie miteinander verbunden. Aus Lydias Handeln spricht eine schlichte Sachlichkeit und Ehrlichkeit, während Sebi Zünd nichts Unredliches oder Skrupelloses anhaftet und er von feinen Idealen geleitet scheint. Stets schwebt ein Hauch des Fantastischen, des Skurrilen und des Abenteuerlichen in der Luft, was die Neugierde des Lesers zu nähren vermag. Gekonnt und stilistisch versiert entführt der Autor auf unbekannte Pfade, zeichnet feinstoffliche Charakterstudien und zwischenmenschliche Beziehungsmuster. Zuweilen allerdings überfrachtet Stoifberg seinen Stoff allzu sehr mit ausschweifenden Detailbeschreibungen. Ein strafferer Umgang mit dem Stoff hätte aus «Dort» eine anregende Refle­xion über die Rollenumverteilung zwischen Mann und Frau im 21. Jahrhundert und über ungesunde männliche Projektionen machen können. So aber ertappte ich mich zunehmend im Abschweifen der eigenen Gedanken, weil ich vor lauter Nahaufnahmen den fiktionalen Rahmen immer mehr verlor. Dennoch überzeugt Niko Stoifbergs Erstling durch seine Kraft der Narration, durch Antiheroismus sowie eine raffiniert strukturierte Geschichte, deren Spannkraft Leser zu fesseln vermag.

Niko Stoifberg: Dort. Zürich: Nagel & Kimche, 2019. 

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»