Anna Stern:  «Wild wie  die Wellen des Meeres»

Anna Stern: «Wild wie
die Wellen des Meeres»

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwebt Anna Stern in ihrem drittem Roman zu einem faszinierenden Gesamtbild.

 

Ava geht weg. Zurück bleibt Paul. Ratlos und wütend. Und alleine. Viel mehr wird zu Beginn von Anna Sterns drittem Roman nicht klar. Eigentlich, wäre da nicht der Klappentext, der mit allzu klaren Andeutungen eine dramaturgisch raffinierte Anlage leichtfertig herschenkt, die einen wesentlichen Reiz von Sterns Geschichte ausmacht. Ignorieren wir also diese Äusserlichkeit. Von der Gegenwart ausgehend erzählt Stern immer weiter zurückblickend die Geschichte der Studentin Ava Garcia und des Polizisten Paul Faber. Kapitel aus der Vergangenheit und der Gegenwart wechseln sich ab, und jeder Schritt weiter in die Vergangenheit wirft mindestens so viele neue Fragen auf, wie er beantwortet. Stern nimmt einen mit auf eine Spurensuche nach den Gründen, weshalb alles wurde, wie es ist: Ava in Schottland, Paul, machtlos, in der Schweiz.

«Wild wie die Wellen des Meeres» ist immer wieder gespickt mit handschriftlichen Notizen, mit «Ava» gezeichneten Briefen an Paul und Polaroidaufnahmen, was den Eindruck erweckt, es würden reale Ereignisse dokumentiert. Sterns detaillierter, präziser Erzählstil lässt die beschriebene Welt aber auch ohne die Fotos vor dem inneren Auge entstehen. Noch auffälliger als diese Paratexte sind ohnehin die eingestreuten Versatzstücke, die sich als Konstanten durch Avas Leben und Sterns Buch ziehen. Ob es Fetzen aus Liedtexten, Literaturzitate, lateinische Tiernamen, Sternbilder oder Gesprächsfloskeln sind, immer wieder scheint bereits Vertrautes an anderen Orten wieder aufzutauchen. Die wiederkehrenden Einsprengsel zeichnen diesen Roman aus und tragen dazu bei, dass Ava lange eine Aura des Mysteriösen behält. Und doch dringt, je mehr sich wiederholt, mehr Licht durch den dichten schottischen Nebel und erhellt Avas Geschichte. Während die Kapitel aus der Gegenwart zuweilen etwas langatmig daherkommen, sind diese Rückblenden umso fesselnder; ein Puzzleteil nach dem anderen fügt Stern hinzu, immer sehnsüchtiger wartet man darauf, dass das grosse Ganze erkennbar wird.

Anna Stern gelingt es, eine komplexe, vielschichtige Geschichte zu spinnen, ohne sich dabei erzählerisch zu verlieren. Avas und Pauls Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden ineinander verwoben, so dass sich am Ende ein faszinierendes Gesamtbild ergibt, das immer noch Interpretationsraum bietet. Die wenigen dramaturgischen Hänger treten rasch in den Hintergrund. Stern beweist mit «Wild wie die Wellen des Meers» erneut, dass sie eine der lesenswertesten Schweizer Schriftstellerinnen ist.

Anna Stern: Wild wie die Wellen des Meeres. Zürich: Salis, 2018. 

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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