Zahnputzfarbtupfer

In meinem langen Leben habe ich nur einen Verkehrsunfall gehabt. Ich stiess auf dem Fahrrad mit einem Auto zusammen. Das Fahrrad war ein Kinderfahrrad. Das Auto war aus Blech. Es war rot. Es war ein Cabriolet. Es war ein Tretauto. Es gehörte dem Sohn des Milchmanns von nebenan. Beim Zusammenprall flog ich über die Lenkstange […]

In meinem langen Leben habe ich nur einen Verkehrsunfall gehabt. Ich stiess auf dem Fahrrad mit einem Auto zusammen. Das Fahrrad war ein Kinderfahrrad. Das Auto war aus Blech. Es war rot. Es war ein Cabriolet. Es war ein Tretauto. Es gehörte dem Sohn des Milchmanns von nebenan.

Beim Zusammenprall flog ich über die Lenkstange davon. Ich landete auf der Oberlippe und den vier vorderen Zähnen des Oberkiefers. Den vier Milchzähnen. Die nachwachsenden richtigen Zähne nahmen sich danach alle Freiheiten. Sie wuchsen zu gross, sie wuchsen schief, sie wuchsen versetzt, sie wuchsen übereinander.

Ich bekam eine Spange. Es tat weh. Ich stiess beim Sprechen an. Ich bekam Erröten. Ich wurde ständig pupurrot. In Inseraten gab es Mittel gegen Erröten. Aber in der Wirklichkeit?

Erst mit 21, nach der Geburt meiner Tochter, hörte das Erröten auf. Dafür gab’s wieder etwas Schreckliches. In der Volkszahnklinik hob mich ein politischer Flüchtling aus Ungarn am unteren vorderen Weisheitszahn links, den er mit der Zange gefasst hatte, aus dem Zahnarztstuhl und wartete, bis sich mein Körper von meinem Weisheitszahn löste und in den Stuhl zurückplumpste. Es dauerte lange.

Es dauerte lange, bis ich ein entspanntes Verhältnis zu meinen Zähnen fand und sie gut und lang zu putzen begann. Eventuell zu gut und zu lang. Vor allem mit zu viel Kraft, wie mir meine Zahnhygienikerin später sagte. Ich hätte meine Zähne «richtiggehend heruntergeschrubbt». Sie empfahl mir einen Vibrator mit Bürstchen.

Damals wurde mir bewusst, wie voller Wut ich mein Leben lang gewesen bin, und auch, dass die meisten Leute zu wenig oder die falsche Wut in sich haben, dafür aber zu viel Ungeduld – vor allem die Kinder –, weshalb sie die Zähne nur ganz kurz und ohne Überzeugung bürsten.

Das liesse sich ändern, denn – nun ja – ausgerechnet ein Monnerat, nämlich Bernard Monnerat aus Fribourg, hat am 16. Februar 1978 eine Zahnpaste mit chemischem Zeitgeber patentieren lassen.

Bei der Zahnreinigung, schreibt er, sei die Zahnpaste bekanntlich vernachlässigbar. Worauf es ankomme, sei das Bürsten. Das lange, gleichmässige Bürsten ohne viel Druck und aus lockerer Hand heraus. Bei seiner Zahnpaste ist lang genug gebürstet, wenn die Farbe des Zahnputzschaums von Gelb in Purpurrot umschlägt. In Purpurrot! Das ist natürlich grundfalsch. Eine Zahnpaste darf nicht rot werden. Sie muss farbig beginnen – am besten schwarz – und dann schneeweiss werden.