Die letzten Tage im Paradies

Markus Ramseier: Vogelheu. Innsbruck/Wien: Haymon, 2013.

Die letzten Tage im Paradies

«Ich bin neunzehn Jahre alt und auf Humus umgerechnet ein eins Komma neun Millimeter grosser Wurm.» Immerhin zwei Eckdaten, die Flo, Heldin in Markus Ramseiers Roman «Vogelheu», für sich festhalten kann. Flo hat gerade die Matur hinter und das Leben vor sich. Da bringt ein Brand ihre Welt ins Wanken und den verehrten Grossvater verletzt ins Krankenhaus. In seinem Weinberg, dem «Paradies», harren die Trauben nun vergeblich ihrer Lese. Der knallrote, alte Hürlimann-Traktor ist einsatzbereit. Nur Flo, seit Kindertagen Grossvaters Stellvertreter, ist es nicht.

Von allen Seiten wird gerade an ihr gezogen und gezerrt. Brandermittler Schneider lässt Flo nicht aus dem Visier. Vater Martin, der ein Wellnesshotel betreibt, benutzt die passionierte Läuferin als Fitnessvorbild. Der Grossvater drängt Flo sachte zur Übernahme von Verantwortung für den geliebten Weinberg, weil es ihm selbst immer schlechter geht. Und da sind zu allem Überfluss noch Student Tobi und Ben, Schneckenforscher aus den USA, die Flo mit ihren Avancen nachstellen. Und Flo? Sie rennt bis zur Erschöpfung. Bloss um irgendwann festzustellen, dass vor sich selbst schlecht wegzulaufen ist.

Ein bisschen ist Flos Leben wie das Gericht «Vogelheu»: Auch an ihm wird in der Pfanne ständig gezerrt, damit Brotrösti, Eier und sonstige Zutaten nicht «zusammenhocken». «Vogelheu» ist eine Geschichte vom Zerrissensein zwischen fremden Erwartungen und den vagen eigenen Vorstellungen von dem, was man will – mithin eine Adoleszenzgeschichte. Gibt die Gegenwart für Flo keinen Sinn, tut es die Vergangenheit umso mehr: Ihre Kindheitserinnerungen sind es, die dieses Buch passagenweise satt und poetisch machen. Da «fliegen die Vögel aus Protest über so viel Ungerechtigkeit auf dem Rücken». Da perlen Weinbauernvokabeln wie «Geschein» oder «Faselschoss» durch die Sätze. Flo mag sie, denn «in ihnen wird das Vertraute immer wieder zum Geheimnis». Autor und Flurnamenforscher Ramseier gelingt hier ein feinsinniges Plädoyer für die Verbundenheit mit einem Flecken Erde, den man Heimat nennt, mit
seinem herben Duft nach spätem Heu und Reife.

Was die schöne, leise Wehmut in «Vogelheu» empfindlich stört, ist einmal die Kritik am Wellness- und Fitnesstrend, die mit ihren pauschalen Rundumschlägen ärgerlich platt bleibt. Sie steht dem Buch auch stilistisch so wenig, wie es Flo steht, «Boy» zu sagen statt «Freund». Zudem treibt Ramseier es mit der betonten Orientierungslosigkeit etwas weit, was im Mittelteil des Romans dazu führt, dass nicht nur die Protagonistin, sondern auch der Plot zu lange auf der Stelle tritt. Ein stringenteres Lektorat, ein wenig mehr Konzentration auf das Wesentliche – nämlich wie Flo es schaffen kann, dem Zauber aus Kindertagen einen neuen, produktiven Platz in ihrer Welt einzuräumen – hätten dem Buch da besser getan. Und uns Lesern hätte es manch banalen Wortaustausch erspart.