Dreimal schwarzer Kater

«Merkt man an den zwischen den verschiedenen Ebenen so hemmungslos verschalteten Argumentationsketten meinen Kater?» – Ann Cotten

Dreimal schwarzer Kater
Stefanie Sourlier, photographiert von Ayse Yavas.

Wir beginnen mit dem üblen Ende: Es ist hell draussen und der fette schwarze Kater sitzt im Kopf. Man beginnt zu zählen; die gestrigen Getränke und die übriggebliebenen Hirnzellen, und die Rechnung geht nicht auf. Ist das Durcheinander schlimmer oder die Menge, Bier nach Wein, das lass sein, Wein nach Bier, das rat ich dir? Und dann liegt man da, wie ein kafkaesker Käfer auf dem Rücken, bibbert und schwitzt zugleich, das ganze Leben zieht vor dem sogenannten geistigen Auge vorüber, aber nicht etwa freundlich, wie die in leicht verblichener Kodak-Optik leuchtenden Diakarussell-Bilder, die man sich für den Moment vor dem Sterben wünscht; nein, als eine einzige Abfolge von Desastern und Fehlschlägen. Man glaubt, hier und jetzt grundlegend etwas ändern zu müssen. Im denkbar schlechtesten Moment, da man es in dieser Katzenjammerstimmung höchstens auf wackligen Beinen bis ins Bad schafft, im Spiegel das teigige Angesicht des Tages, die Züge bekannt, aber doch irgendwie verschoben.

Manche empfehlen Kaffee mit Zitronensaft, Aspirin, Kokain oder Valium, «Die drei Fragezeichen» oder «Der Mann ohne Eigenschaften» als Hörbuch, am besten wirkt, wohl wissend, dass dies der erste Schritt zum Alkoholismus sei, der Konterdrink. Bloody Mary empfiehlt sich wegen der Mineralsalze, Tomatensaft tut es sonst auch. Joggen gilt als absolute Hardcore-Variante, wenn das Gift möglichst schnell aus dem Körper soll, der Teufel Alkohol ausgetrieben, dreimal schwarzer Kater. Am besten im Nieselregen und am besten irgendeinem Fluss entlang, nur damit man sich nicht an jeder Kreuzung entscheiden muss, wohin des Wegs. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, nur nicht an den Herzinfarkt denken oder dass mir jemand begegnen könnte, im Ohr laute Musik: In twenty-seven years, I drunk fifty thousand beers, and they just wash against me, like the sea into a pier. Das Wasser des Landwehrkanals gründunkel und das kleine beleuchtete Fussballfeld unwirklich vor diesem Leuchthorizont, wie die halluzinatorische Farbstimmung einer amerikanischen Vorstadtsiedlung im Film «Donnie Darko». Ich sehe das Fussballfeld mit den Spielermännchen darauf, sehe aber auch die riesenhaften Scheinwerfervierecke des Zürcher Letzigrundstadions, die in meiner Kindheit den Himmel bis nach Altstetten erleuchteten. So scheint überhaupt alles doppelt und durchlässig, als hätte ich mehr als zwei Augen, wie Alexander Kluge in seiner Frankfurter Poetikvorlesung über das Erzählen sagte, dass aus jedem Menschen die vielen Augen verschiedener Lebensalter herausblicken, «und diesen Lebensläufen gegenüber steht eine Realität, sie bläst sich auf, als etwas Wirkliches». So ist dieser leicht verschobene Katerblick gar nicht so fern von der Welt des Erzählens, vielleicht müsste man den Kater doch für das Schreiben nutzbar machen. Vielleicht suggeriert mir das aber auch bloss der Restalkohol im Blut – und ich seh noch immer alles doppelt…?