Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Sie sind die kleinen Helferlein des Literaturredaktors ebenso wie der Schriftstellerin: Zettel. Man sammelt sie in Zettelkästen, zettelt Literaturstreite damit an, verzettelt sich aber auch gern. Die einen notieren darauf, stecken sie ein, finden sie bestenfalls zur rechten Zeit wieder, die anderen spannen sie, wie die neue Franz-Tumler-Literaturpreisträgerin Julia Weber auf […]

Liebe Leserinnen und Leser

Sie sind die kleinen Helferlein des Literaturredaktors ebenso wie der Schriftstellerin: Zettel. Man sammelt sie in Zettelkästen, zettelt Literaturstreite damit an, verzettelt sich aber auch gern. Die einen notieren darauf, stecken sie ein, finden sie bestenfalls zur rechten Zeit wieder, die anderen spannen sie, wie die neue Franz-Tumler-Literaturpreisträgerin Julia Weber auf unserem Titelbild, in ihre Schreibmaschine (hier). Manche beheften sie dann für einige Minuten mit dem soignierteren Ausdruck «Blatt», schreiben erste Sätze, reissen das Blatt dann wieder heraus, knüllen aber im nächsten Moment doch nur noch besagten Zettel wieder zusammen – und werfen ihn in die Ecke zu viel zu vielen kugeligen Artgenossen.

Die Zettelwirtschaft ist, so die Lesart der Schreibtischromantiker, der Museen und Archive, zentrales Merkmal des Schaffens Schreibender, längst nicht nur eines Max Frisch (hier) oder einer Friederike Mayröcker. Ein Zettel wird dabei erst zum Blatt wie die Raupe zum Schmetterling, wenn sich darauf Notwendiges befindet, Wichtiges, Relevantes, Wiederbearbeitetes. Der Versuch alleine wird sich kaum entpuppen, er ist Teil einer immerwährenden, urmenschlichen Verzettelung, bloss ein Nebenprodukt auf dem Weg zum Guten, Schönen, Wahren – aber eben deshalb alles andere als uninteressant.

Für die vorliegende Ausgabe werfen wir, gemeinsam mit unseren Autorinnen und Autoren, einen intimen Blick auf diese Manifestationen der Ab- und Umwege der Schriftstellerei: auf die Zettel, ihre Entstehungsgeschichten, ihre unvorhersehbaren Wirkungen, und nicht zuletzt auch auf manch berufliche Verzettelung. Welche Ansprüche richten sich an den Schriftsteller und sein Werk? Welche Neben- und Nebelämter erweisen sich für Schriftstellerinnen als sinnvoll? Was für ein Bild zeichnet eigentlich mein Verlag von mir? Und: verzettle ich mich nicht, wenn ich mir um all das auch noch Gedanken mache? Mancher Papierfetzen, so lernen wir, verändert am Ende doch ganze Leben, geht buchstäblich unter die Haut (hier). Wir hoffen, dass wir uns dabei nicht verzettelt, sondern ein wiederum spannendes Blatt gemacht haben.

Lesen Sie selbst!

PS: Sie halten die 30. Ausgabe dieser Zeitschrift in Händen – und runde Geburtstage sind ein besonderer Grund zum Feiern! Aber auch zum «Danke» sagen: ohne Sie und Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autoren, wäre der «Literarische Monat» nicht die kleine publizistische Erfolgsgeschichte, die er heute ist. Merci – und: bleiben Sie uns treu!

 


Die Texte unseres Schwerpunkts finden Sie unter den folgenden Links:

 

Vom Holzen und Stocken
von Ariane von Graffenried

Am Schreiben bleiben
von Gregor Szyndler

Wenn der Grossvater in der Kirche schläft
von Julia Weber

Nebenjob #1: Der Nebeljob
von Rolf Hermann

Nebenjob #2: Viel Aufruhr, keine Zeit.
von Annette Hug

Nebenjob #3: Doppelte Karriere
von Azouz Begag

Nebenjob #4: Mann mit Hut
von Lukas Holliger

Herr Marzianis Experimente
Matteo Terzaghi

Die Verwandlung
von Nora Gomringer

Wo das Buch zur Randnotiz wird
von Gert Ueding

Kein Plan B
Gregor Szyndler korrespondiert mit Claude Cueni