Ein Tisch ist ein Berg ist ein Abgrund

Zum ersten Mal begegnete ich ihm im Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ich hatte gerade eine Ton-Installation aufgebaut über Skiliftbügelgeber, die Bademeister der Berge, die Idole meiner Kindheit. Da trat dieser neugierige Hüne herein, zwängte sich in das enge Lifthäuschen und sog geräuschvoll die Luft durch die Nase. «Ahhhh, hier riecht’s nach… nach Mann!» Gian […]

Zum ersten Mal begegnete ich ihm im Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ich hatte gerade eine Ton-Installation aufgebaut über Skiliftbügelgeber, die Bademeister der Berge, die Idole meiner Kindheit. Da trat dieser neugierige Hüne herein, zwängte sich in das enge Lifthäuschen und sog geräuschvoll die Luft durch die Nase. «Ahhhh, hier riecht’s nach… nach Mann!» Gian war damals ein junger Schauspieler, der im Keller der Ausstellungsräume zwischen alten Heizungsrohren und viel Gerümpel sein erstes Solo erarbeitete. Nach vielen Jahren auf deutschen Bühnen inszenierte auch er ein Stück eigene Kindheit unter dem Titel «Milch Lait Latte». Die theatralischen Bilder flogen einem nur so um die Ohren, Erinnerungsfetzen aus Super-8, Obszönitäten, ergreifende Stille und am liebsten alles gleichzeitig. Gian explodierte nach allen Seiten. Wir verloren uns nicht mehr aus den Augen. Bestiegen Berge zusammen, streiften durch die Nächte Zürichs. Hier nun meine völlig voreingenommene Empfehlung: Bergtheater von Gian Rupf und René Schnoz. Ihr erstes Stück «Bergfahrt» von Ludwig Hohl war eine Auftragsarbeit für die Tagung zur alpinen Literatur von Emil Zopfi. Eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Denn nimmt man diesem Klassiker die Literatur, so bleibt nur wenig Story. Doch die beiden Schauspieler haben mit dramatischer Lust ganze Gebirgsmassive erstehen lassen. Sie hängen an Klapptischen, und wir sehen Felswände. Franz Hohler meinte dazu: «Wie kann man in einer Zeit der 3-D-Mount-Everest-Filme behaupten, ein rostiger Metalltisch und zwei Stühle seien eine Gebirgslandschaft?» Man kann, wenn man’s kann. Das masslos reduzierte Stück ging zwei Jahre auf Wanderschaft. Buchstäblich. Führten es die beiden doch in beinahe allen SAC-Hütten der Schweiz auf. Vor müdem, sonnenverbranntem, aber begeistertem Publikum. Mancherorts auch direkt unter der dunkel dröhnenden Nordwand. Es sagt viel über zwei Mimen, wenn sie vor solchen Kulissen ihr Publikum bannen können. Natürlich trafen sie auch auf Hüttenwarte, die sie begrüssten mit: «Ah, ihr seid also die Clowns.» Sprüche, für die man von anderen herzhaft eins auf die Fresse bekommen hätte. Aber Gian ist ein Schauspieler, der seine Energie auch drinlassen kann, der umso gewaltiger wirkt, wenn er still wird. Der neben ihm drahtige René Schnoz ist ihm idealer Mit- und Gegenspieler. Ein Sympath oder verschlagener Hund, wenn er will. Humoristen beide, wenn’s sein soll. Doch bei aller Unterhaltsamkeit werden ihre Figuren nie zu Witzfiguren. Zu gross ist der Respekt. Vor den Bergen. Vor den Dramen darin. In «Frisch am Berg» gaben sie beide den Max Frisch, duellierten sich mit der Tabakspfeife. In «Meinetwegen zugrunde gehen» brachten sie die Tödi-Tragödie von Hans Morgenthaler als Schattensprechspiel auf jede Felsplatte und jeden Dorfplatz, der ihnen Bühne wurde. Eine konzentrierte Würdigung dieses wenig bekannten Dichters, Alpinisten, Irrenhäuslers und wohl leidenschaftlichsten Grenzgängers der Schweizer Bergliteratur. Mit «Ein Russ im Bergell» liessen sie die kauzigste Seilschaft der Alpingeschichte wieder auferstehen: den bourgeoisen Baron Anton von Rydzewski und seinen Bergführer Christian Klucker aus dem Fextal. Sie hassen sich vom ersten Höhenmeter an und leisten doch 10 Jahre lang Pionierarbeit. Wiederum genügt eine Leiter als Requisite, um uns in die Abgründe mitzunehmen. Im neuesten Stück ist nun Schluss mit Berghistorie. Diesmal geht’s den Heutigen an den Kragen: Der Kletterpionier und Schriftsteller Roland Heer hat ihnen die Story von zwei Mittfünfzigern geschrieben, die es noch einmal wissen wollen. Der Vorabend in der Hütte wird zur alkoholgetränkten Schlüsselstelle. Die Premiere ist im Zürcher Sogar-Theater. Danach gilt es, die Augen in Richtung Berge offen zu halten, es lohnt sich. Und ich freue mich jetzt schon, wenn in zwanzig Jahren ihr letztes Stück «Bergtheater» von zwei alternden Schauspielern handeln wird, die ihr Leben lang mit Theaterstücken zu Berge gegangen sind.


Markus Rottmann
ist freischaffender Texter in Zürich. Zuletzt sind von ihm die Bücher «Calanca – Verlassene Orte in einem Alpental» (gemeinsam mit dem Photographen Oliver Gemperle; Benteli, 2010) und «Black Island» (gemeinsam mit dem Illustrator Thomas Ott; Hammer-Verlag, 2013) erschienen.