Ein Männlein steht im Walde

Francesco Micieli: Der Agent der kleinen Dinge. Bern: Zytglogge, 2014.

Ein Männlein steht im Walde

In Krimis ist vieles leichter: Von Aberglaube bis Schizophrenie lassen sich alle Probleme durch einen soliden Schlag mit dem Pistolengriff auf den Hinterkopf lösen. Was seit Philipp Mar-
lowe und Sam Spade vielen Generationen von Schnüfflern – nicht zuletzt Jakob Arjounis Frankfurter Döner-Detektiv Kemal Kajankaja – enorm geholfen hat, bleibt unserem Newcomer im Gewerbe, Angelo, vorenthalten. Ein schüchterner Steinwurf, ein lästiger Autounfall – das sind die schlimmsten Attacken, denen dieser titelgebende «Agent der kleinen Dinge» sich ausgesetzt sieht, als er im Emmental einer Morddrohung auf die Spur zu kommen versucht, dabei auf Schritt und Tritt über die eigenen Kindheitserfahrungen stolpert, aber dem realen Täter keinen Deut näherkommt.

Der aktuelle Kurzroman des aus Italien stammenden Berners Francesco Micieli ist eine sprachlich elegante, anspielungsreiche Mischung aus ironisch vorgeführten Klischees des Hardboiled-Genres, Querbezügen zu Literatur und Kunst, aus bedeutungsschwangeren Rückblenden und gegenwärtigen Handlungen, aus Forschungen in den Tiefen einer zerrütteten kindlichen Psyche und abrupten Sprüngen zurück in die Realität – in die eine und die andere und die dritte. Was diesem «Thriller» aber fehlt, ist die starke Mitte. Eine Figur, die es aushält, wenn ihr mit dem Pistolengriff auf den Hinterkopf geschlagen wird. So reizvoll das paranoide Weichei Angelo als Brechung des «Private Eye»-Idealtypus auf den ersten Blick wirkt, so wenig kann er die Handlung über die knappen hundert Seiten tragen. Zu sehr drängt der «Agent der kleinen Dinge» aus der grossen Welt in eine kleinkarierte Idylle des Emmentals, zu sehr kämpft er hier wie dort mit den Gespenstern der Vergangenheit, zu vehement wird die distanzierte Haltung seiner Eltern bemüht: als Erklärung seiner sprunghaften Anhänglichkeit zur Auftraggeberin Barbara, zur Teilzeitgeliebten Rebecca, zu seiner Schwester Clotilde, zu Arjounis Kajankaja (als Kleiner-Mann-im-Ohr) sowie zum omnipräsenten Lehrer Wenger in irrwitzig überzeichneter und dennoch undurchsichtiger Doppelfunktion als Erleuchter und Würgeengel. All diesen gefestigten, mit beiden Beinen im Leben stehenden Personen hat der arme Angelo rein gar nichts entgegenzusetzen, nicht einmal die wehrlose Verliererpose eines kafkaesken Kübelreiters. Gebrechlich wirkt der «Agent» selbst bei seiner «männlichsten» Handlung: dem Ordern eines anständigen Drinks. Beim Verkosten der Spezialitäten lokaler Mikrobrauereien am Emmentaler Gasthaustresen trinkt Angelo ein (!) Bier, sinniert über sich und sein Leben und sonst – nichts.

Ist also Francesco Micielis neuer Roman, Titel und Handlung zum Trotz, womöglich gar kein Krimi? Ist es eine literarische Verarbeitung der These des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk, der in Micielis Roman häufig erwähnt wird? Soll hier der moderne Mensch gezeigt werden in seiner Neigung, sich korrumpieren, fehlleiten und verwirren zu lassen? Man weiss es nicht. Was man aber mit Sicherheit sagen kann: Micieli versteht es, mit feiner Eleganz und raffinierter Ironie zu schreiben, wenn er mögliche Schicksale von Migranten in der Schweiz (und Zugezogene im Emmental) seziert und Angelo als sozial und dialektal assimilierten Schnüffler, jahrzehntelangen Schweizer und artigen Bürger auf inbrünstig bodenständige Bauern treffen lässt. Das Krimi-Brimborium wäre also gar nicht nötig gewesen.