Eine Amour fou mit dem Leben

Mix Weiss: Vabanque. Journal einer Amour fou. Zürich: Bilger, 2012.

Eine Amour fou mit dem Leben

«Eine rote Rose in deiner Vase für die Liebe. Eine gelbe Rose in deiner Vase für die moderne Liebe. Und für uns gibt es nur noch… GRÜN.» Spätestens mit diesem Satz, der den Moment anzeigt, in dem Julieta jeden Widerstand dagegen aufgibt, sich in Vladimir zu verlieben, spätestens mit diesem Satz werden ein paar Dinge, dieses Buch betreffend, unmissverständlich klargestellt: 1. Es handelt sich hier, entgegen gelegentlichem Anschein, nicht um einen Roman. 2. Sätze wie ­dieser sind nicht inszeniert, sie können tatsächlich passieren. 3. Sätze wie dieser sind eine echte Zumutung. 4. Es besteht der Verdacht, dass sich die Autorin beim Niederschreiben solcher Sätze amüsiert hat.

Und so fängt alles an: Julieta ist mit einer Freundin in einem Zürcher Restaurant. Wie es dazu kam, dass Vladimir sich unversehens am Tisch der beiden Damen befindet, weiss später niemand mehr zu sagen. Jedenfalls füttert er Julieta plötzlich mit Gäbelchen voller verpfeffertem Tatar. «Das fast leere, weiss gedeckte Lokal verwandelt sich mit einem Schlag in eine freie Wildbahn, der Blitz hat zwei Geschöpfe getroffen, den Zigeuner und die Redaktorin.»

Ein Vagabund! Und eine Intellektuelle! Ein obdachloser Fürsorgebezüger und eine Bohémienne der Hochkultur! Sie haben nicht viel gemein, und wäre die Liebesgeschichte nicht wahr, so könnte man schon ihr Setting als kitschig abtun. Doch die Autorin Mix Weiss, einst Redaktorin bei den Frauenzeitschriften Annabelle und Femina, hat sie tatsächlich erlebt – wider alle Wahrscheinlichkeit. Julieta ist das Alter Ego der heute 88jährigen Mix Weiss, die diese Geschichte klugerweise weder als Nabelschautagebuch noch als schnulzigen Liebesroman, weder als Psychoanalyseersatz noch als empfind­sames Bekenntnis veröffentlicht, sondern sie ist alles von ­allem, Mix Weiss nennt sieJournal einer Amour fou. Und die war ja immer schon das, was die Schriftsteller am meisten ­herausgefordert hat.

Der schräge Charme dieser Geschichte ergibt sich dabei aus der Nonchalance. Es ist eines dieser Bücher, denen man alles verzeiht. Man verzeiht, dass allzu Persönliches drin steht, das uns nichts angeht. Dieses Buch lebt auch nicht von der Qualität seines Gerüsts, auch nicht von seiner Grundidee, es lebt auch nur in Massen von seiner Sprache. Dieser «Roman» lebt in erster Linie von der Spannung, die seinen Helden umgibt, mit der er jede Episode, jede Szene, ja jeden Satz auf sich bezieht und in Bann hält. Vladimirs Übermass in allem, im Handeln und Zerstören, im depressiven wie im vitalen Zustand ist schliesslich sein Merkmal und sein Geheimnis. Sein Überkonsum des Lebens aber ist nicht vorstellbar ohne seine Identität als Zigeuner – so bezeichnet er sich selbst – und ohne das ihm zugefügte Leid. Vier Kinder hat ihm der Schweizer Staat weggenommen. Dieser Zusammenhang ist der gedankliche Fluchtpunkt der Lebenserzählung über Vladimir. Vladimir, der mit seiner melancholischen Unrast, vor libidinöser wie destruktiver Hemmungslosigkeit, vor satter Emo­tion, seine Umgebung und auch diese Geschichte zu sprengen imstande ist. Denn Vladimir unterhält nicht nur mit Julieta eine Amour fou, er unterhält sie mit dem ganzen Leben.