Erkenntnis ohne Erleuchtung

Peter Bieri: Wie wollen wir leben? St. Pölten: Residenz, 2011.

Philosophisch imprägnierte Ratgeberliteratur erfreut sich aktuell grosser Beliebtheit. Der intellektuelle Mehrwert vieler solcher Neuerscheinungen zerreibt sich zwischen zwei formalen Polen: im allzu lapidaren Stil derer, die Philosophie bloss bestsellerlistentauglich machen wollen, landen philosophische Ratgeber im Handel allzuoft zwischen den Geschenkbuchbanalitäten. Kommen sie aber ungeschönt aus der Fakultät, ist ihr Weg in die hinteren Regale der Universitätsbibliothek vorgezeichnet. Vielversprechend in jeder Hinsicht aber ist eine Neuerscheinung aus der Feder eines Philosophen, der zugleich Romancier ist. In «Wie wollen wir leben?» spürt Peter Bieri, alias Pascal Mercier, den Wegen des Individuums zu einem selbstbestimmten Leben nach. Er stellt heraus, dass Selbstbestimmung zwar ungebrochen Konjunktur habe, es aber trotzdem an ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Thema mangle. Triviale Glücksrezepte gibt es genug, Bieri versucht sich folglich am Herunterbrechen des fachphilosophischen Diskurses auf ein auch für Laien geniessbares Niveau.

Er fordert dazu auf, aus innerer Perspektive Wünsche, Affekte und die Triebkräfte des eigenen Willens auszuleuchten. Zentraler Gegenstand der drei sich inhaltlich überlappenden Vorlesungen ist die Entwicklung einer eigenen Stimme. Seinen Wunsch nach einer «Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden» charakterisiert Bieri jedoch schon nach der ersten Vorlesung als «Utopie eines Phantasten; eine phantastische Utopie». Wie also der Utopie ein Stück Realität abtrotzen? Bieris paradox anmutende Antwort: mit Phantasie und kreativem Ausdruck, in seinem Fall mit literarischem Schreiben. Die Literatur erscheint Bieri als «mächtige Verbündete» derer, die ihre Sprache finden und sie buchstäblich zum Ausdruck bringen möchten. Schreibende und auch Leser, so Bieri, können anhand des Ausdrucks eigene Konflikte und Sehnsüchte erkennen lernen: das Fortschreiben des erzählerischen Selbstbilds, die «Drift» der eigenen Einbildungskraft und die «Schwerkraft der Phantasie» ermöglichen Zugänge zum eigenen Selbstbild und somit zum eigenen Selbstverständnis.

Einen weiteren, gedanklich weniger stringenten Schwerpunkt bildet die dritte Vorlesung: sie gilt der Aneignung einer kulturellen Identität. Ob der Fülle der – oft nur in Fragen angerissenen – Gegenstände hätte hier mehr philosophische Differenzierung Bieris Vorrang vor der Fabulierkunst Merciers haben können. Die an der Publikation ebenfalls auffälligen Wieder-holungen des Ähnlichen (und Gleichen) in anderen Worten haben hingegen, wenn auch wohl nicht beabsichtigt, einen psychologisch hochwirksamen Effekt: sie illustrieren, dass Bieri seinem zentralen Anliegen selbst gerecht wird. Wer zu Selbst-bestimmung gelangen will, so nun wieder der Philosoph, darf nicht müde werden, das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu beobachten, zu hinterfragen, zu analysieren. Der zu wirklicher Selbsterkenntnis Willige ringt folglich mit den immer gleichen Fragen in neuen Kontexten – um andere Antworten für sich zu finden.