«Herr Mezger, ist dieser Text autobiographisch?»

9.9.2014, 17:24: Michael Wiederstein schreibt: «Daniel, sag mal, ich sollte deine Kolumne seit vorgestern haben, morgen muss sie ins Layout, Autobiographie steht als Thema an, oder?» Ja, tut es, tut es, ja, Mist! Das Thema ist der eigentliche Grund für diese ­Kolumne, die Frage der Dauerbrenner unter den Schlussfragen. Endlich kann ich meine ultimative Antwort […]

«Herr Mezger, ist dieser Text autobiographisch?»

9.9.2014, 17:24: Michael Wiederstein schreibt: «Daniel, sag mal, ich sollte deine Kolumne seit vorgestern haben, morgen muss sie ins Layout, Autobiographie steht als Thema an, oder?» Ja, tut es, tut es, ja, Mist! Das Thema ist der eigentliche Grund für diese ­Kolumne, die Frage der Dauerbrenner unter den Schlussfragen. Endlich kann ich meine ultimative Antwort geben. Ja. Ich kann schreiben, dass… Ähm. Erstmal schreibe ich zurück: «Oh, ach so, ich dachte ­irgendwie nächste Woche, ja, der Text ist praktisch fertig, nur noch verknappen auf 2000 Zeichen, melde mich heute noch.» Senden. – Ich Idiot, warum nicht «melde mich morgen»?! Ich beginne: Ja, Texte sind immer autobiographisch, denn auch die Phantasie ist autobiographisch. Schreibe ich. Das klingt gut. Wobei: Ist das von mir oder ist das ein Zitat? Klingt nach zweiterem. Und klingt auch falsch: Ich erzähle ja nicht mein Leben, höchstens fliesst von mir Erlebtes ein. Also schreibe ich: Nein, meine Texte sind nie autobiographisch, aber sie sind im besten Fall persönlich, ich spiele keine Rolle darin. Obwohl, nun ja, ich spiele schon eine Rolle aber, ähm… – Ich schreibe: «Lieber Michael, hier ein kl. familienint. Notfall, ich kann dir leider erst morgen was schicken, SORRY!» Michael antwortet sofort: «Es ist aber wirklich dringend, nach 15:00 geht gar nichts mehr.» Ich ignoriere das erstmal, fahre den Computer runter. Pause.

10.9.2014, 14:23: So, nun bringe ich die Sache auf den Punkt! Ich schreibe etwas von meiner Jugend und dass die Art, wie die Sommertage in meinem Buch riechen, ­autobiographisch sei. Prätentiös, ich lösche es wieder. Ich schreibe: Jedes Buch, das etwas taugt, hat einen autobiographischen Kern. Ich lösche es wieder. Ich schreibe: Jedes Buch, das seinen autobiographischen Kern aus­plaudert, langweilt mich. Ich lösche es wieder. Ich schreibe: Es geht nie darum, dass etwas echt ist, und immer darum, dass es wahr ist. Das klingt schön. Stimmt vielleicht sogar ein wenig. Fehlen bloss noch 1927 Zeichen! Ich tippe eine SMS: «Michael, entschuldige, wir sind nun in der Notaufnahme, lange Geschichte, aber heute Abend kann ich vielleicht…» Die Antwort kommt per Mail: «Kein Problem, ich habe das hier unter deinem Namen verfasst und soeben zum Layouter geschickt. Hoffe, du bist damit einverstanden. Gruss, M.»

Irgendwann gegen Ende einer Leseveranstaltung wird endlich die Runde geöffnet und das Publikum darf Fragen stellen. In der Kolumne «Schlussfrage» gibt der Schriftsteller Daniel Mezger Antwort. Ein für alle Mal.

Nächsten Monat: «Herr Mezger, kann man vom Schreiben leben?»