Hinter dem Mond

E.Y. Meyer: Wandlung. Bern: Stämpfli, 2012.

Hinter dem Mond

Die Mitglieder des «Clubs Freitag der Dreizehnte» stossen an. Sie stossen auf ihre Helden Jean-Jacques Rousseau, Voltaire, Wilhelm Tell und Jeremias Gotthelf an. Sie stossen auf Vladimir Nabokov, auf gutes Essen und auf guten Wein an. Sie stossen aber auch an eine Grenze – an die Grenze zwischen ihrer und der Welt aller anderen.

Der Club versammelt – laut Selbstbeschrieb – «Menschen, die verstanden, eingesehen und sich damit abgefunden» haben, dass ihre Welt nur ein Teil einer grösseren Welt sei und diese wiederum Teil eines noch grösseren Universums und so weiter und so fort. Die dreizehn Männer leben, nimmt man sie hier beim Wort, also in einer Parallelwelt und kommentieren von dieser Warte aus mit böser Zunge die Zustände der Welt – fast so wie die beiden älteren Herren aus der «Muppet Show», die von ihrer Loge aus über die Aufführung auf der Bühne schimpfen. Während man bei den Muppets aber auf das ganze Spektrum möglicher Charaktere trifft, die herzlich, witzig, schlau, genervt oder auch leichtgläubig sind, bleibt das Zusammenspiel der Figuren Meyers eindimensional. Dabei böte die illustre Besetzung der Clubmitglieder eigentlich ein viel grösseres Panorama: Die Bandbreite reicht vom Diplomaten über den Polizisten, den Maler, den Wirtschaftsjournalisten bis zum Juristen für Weltraumangelegenheiten. Nach einer ausgiebigen Einführung samt Erläuterung des jeweiligen Familienstands dienen sie jedoch nur noch der Vervielfältigung der Stimme des Ich-Erzählers. So stösst dann dieser mit sich selbst an, lamentiert mit sich selbst über die Überbevölkerung der Erde – verdammt überhaupt seine ganze eigene Gegenwart vor dem Spiegel seiner Helden.

Für den Club sind diese Helden die «Sieger der Geschichte». Sie haben sich mit ihrem Namen nicht nur in die Geschichtsbücher der Schweiz eingeschrieben, sondern stehen damit auch Pate für Dinge und Orte – wie die «Gotthelf-Stube» oder die Rousseau-Insel. Um ihren Club ebenfalls in die Nähe des Lichtkegels dieser Namen zu rücken, spinnen die Mitglieder Kausalketten über biographische und historische Grenzen hinweg: Voltaire hätte, so mutmassen sie, wohl gegen eine Mitgliedschaft in ihrem Club nichts einzuwenden gehabt. Rousseau, der fünf Kinder gezeugt und nicht anerkannt hat, wird gegen seine eigenen Zeitgenossen damit verteidigt, dass das für die damalige Zeit doch durchaus üblich gewesen sei. Oder in Meyers Worten: «IF IN ROME, DO AS THE ROMAN DO.» [Grossschreibung im Original] Der Lolita-Mythos Nabokovs wird gefeiert und anschliessend der heutigen «Kindsmissbrauchswelle» und der «Massensextourismusflut» entgegengestellt. Ausgehend von der Geschichte des pädophilen Literaturprofessors und seiner Stieftochter wird eine Entwicklung von dieser Vorform zu einem Massenphänomen festgehalten, die sich wiederum – und allein – gegen die heutige Zeit richtet: «Vulgarisiert. Banalisiert. Degeneriert.» Die simple Parteinahme für jene ausgewählten «Sieger der Geschichte» lässt einem die Lektüre verleiden.

E. Y. Meyer gibt sich auch im Typographischen recht abenteuerlich. Ganze Sätze werden als Einwürfe gross geschrieben, Aufzählungen mit vielen Umbrüchen, Reihungen von Sätzen ohne Verben und kursive Zitate bestimmen das Schriftbild. Und man fragt sich: Wie? Deutet da jemand Ironie an? DEKADENZ? Dass Meyer sein kulturkritisches Lamento, das als «Roman» firmiert, einleitend irgendwo zwischen Realität und Fiktion verortet, hilft da leider nur bedingt weiter: Man kann dem Club nicht folgen. Weder in die eine noch in die andere Welt.