Die Lügenwiese und das Absolute

Christian Uetz: Sunderwarumbe – ein Schweizer Requiem. Zürich/Berlin: Secession, 2012.

Die Lügenwiese und das Absolute

Nach der Athletenhymne eine Totenmesse. Eben noch hat der Thurgauer Schriftsteller Christian Uetz in der Person Roger Federers den absoluten Helden der Schweizer Sportgeschichte zungenzwinkernd gefeiert – jetzt erzählt er die Geschichte einer Männerfreundschaft als Hommage an den verstorbenen Älteren und als philosophisches Exerzitium auf der Suche nach nichts Geringerem als einem absolut freien Leben.

Nach der Schneenacht vom 5. März 2006 stirbt in Romanshorn ein aus bäuerlichem Milieu stammender Philosoph und Privatgelehrter, der sich selber den nom de plume Hieronymus Sunderwarumbe gegeben hat – in Anspielung auf eine Predigt von Meister Eckhart. Die lebenslange Suche nach dem «ohne warum», nach Grundlosigkeit und Zweckfreiheit, mündet in ausufernden Archiven und 20 000 Seiten Aufzeichnungen, die Sunderwarumbe seinem jungen Freund Georg vermacht. Der ist der Sohn seines Cousins, Lehrer, Philosophiestudent, Lyriker und teilt biografische Leitlinien bis hin zum Geburtsdatum mit seinem Autor Uetz. Aus Tagebuchnotizen Sunderwarumbes und erzählerischen Passagen über Georgs Werdegang formt sich ein Bild dieser Freundschaft zwischen einem mönchisch-onanistisch lebenden Homosexuellen und dem jungen «Weiberling», der sich von seinem «Donjuanismus» und seiner «Cunnilingerei» von Frau zu Frau treiben lässt. Lange Vorlesestunden, philosophische Diskussionen, Krisen und phasenweise sogar eine Wohngemeinschaft gehören zu dieser «Krankengeschichte zweier realitätsferner Spinner».

Das ergibt nun eben keinen Roman, sondern ein Requiem, das freilich das liturgische mit dem philosophisch-meditativen, aber auch mit dem populärmedizinischen, dem groschenromanesken, dem aphoristischen, dem «quasibiografischen» Register mixt. Ein Buch, so denkfrisch wie schwerblütig, dem grundlosen Gott sei Dank völlig quer zu unserer auf- und abgeklärten Zeit, indem es unsere trockene Sucht nach harten Fakten und soften Geschichten nach Strich und Faden enttäuscht. Statt Problemlösungen und Kolumnistenmeinungen zu futtern, begeben wir uns auf ausgedehnte Gedankengänge zwischen «Experiment und Liebe, Instrumentalisierung und Anbetung, Sache und Sprache». Oder wir lassen uns poetisch aufscheuchen: «Die sexfarbige Nackthaut der Gottesberge. Alle Energien der Pflanzen der Tiere der Flüsse der Meere der Berge der Gestirne zu Gott aufgipfeln. Und du, Mensch, vermeinst, sublimieren zu müssen hin zu einer Kultur: Du Lügenwiese!»

Die zäheren Passagen sind einem gewissen Pathos rund um das «Sterbewesen» Mensch und die «Heiligkeit des Todes» geschuldet, wohl auch dem Kanon der Lieblingsautoren Sunderwarumbes, von Platon über die Bibel und Goethe zu Heidegger, Jung und Jünger. Im Traum, «von nichts schwanger zu werden», verdickt sich das Grundlose bisweilen gnostisch-mystisch zum heilshungrigen Lobpreis eines idealen Absoluten: «Ohne Himmel wird uns die Erde zur Hölle.» Mal sehn, sagte der Maulwurf.

Doch vielleicht sind das Bananenschalen, auf denen man getrost ausrutschen soll, um sich vom unzuverlässigen Erzähler, der hier eher ein unzuverlässiger Poet und Philosoph ist, wieder aufhelfen zu lassen. Denn es mag schon stimmen, dass wir Gott nicht so schnell loswerden, wie wir vielleicht möchten. Jedenfalls dann nicht, wenn «jedes Erkennen zum Gottprozess» wird, weil Gott für die «Einbildung» steht, welche die blosse Messung einer gegebenen «Wirklichkeit» durchkreuzt. Fast schon auf Eugen Drewermanns Spuren lesen wir: «Den Gott, den es gibt, gibt es nicht.» Erst damit wird das Buch so richtig «sunder warumbe». Namentlich wenn der Text um die massiven Begriffe herumtanzt. Sunderwarumbe ist Georgs Sprache ein «Gräuel» – just in dem, was uns Uetz’ Sprache zum Genuss macht: «Die Art und Weise, wie er die Paradoxität in Worten bis zur äussersten Verspieltheit ausspielt, nicht selten gerade dort, wo er selbst von der Widersprüchlichkeit betroffen ist.»