Im Paralleluniversum

Wer Belletristik und Poesie übersetzt, muss sich im Alphabet des ihm anvertrauten Autors gut auskennen. Ilma Rakusa über die Vertrautheit mit einem Werk, den Glücksfall Kongenialität und die Un-terschiede zwischen Übersetzen und selbst Schreiben.

Sie schreiben selbst, haben aber immer auch übersetzt. Wenn man schreiben kann, ist es nicht irgendwie befriedigender, attraktiver, erfolgversprechender als das Übersetzen?
Das ist es tatsächlich. Mir macht das Schreiben, um es ganz simpel auszudrücken, auch mehr Spass. Das hängt damit zusammen, dass ich wirklich mein Eigenes sage. Trotzdem bin ich eine durchaus leidenschaftliche und engagierte Übersetzerin. Es gibt nur eine Einschränkung: wenn ich nicht jeweils die Texte hätte übersetzen können, die ich übersetzen wollte, weil ich von ihrer Qualität voll und ganz überzeugt war, hätte ich es vielleicht nicht gemacht. Ich habe russische, ungarische, ser­bische und französische Autoren übersetzt, und im Grunde schreiben sie alle eine Prosa, die sehr gesättigt ist mit dem, was man im Volksmund poetisch nennt. Also eine sehr raffinierte, ausgefeilte, überraschende Prosa. Bei einem guterzählten Roman, der aber eher konventionell und linear erzählt, würde ich sagen: das muss nicht ich machen.

Sind Schriftsteller die besseren Übersetzer?
Ich glaube, da täte man vielen hervorragenden Übersetzern unrecht, die selber nicht schreiben. Ich würde allerdings sagen: wenn man Poesie übersetzt, ist das etwas sehr Besonderes. Je poetischer ein Text, desto reicher ist er an Mehrdeutigkeiten und Wortspielen. Das ist notorisch schwer zu übersetzen. Ein Wortspiel an genau derselben Stelle zu übertragen gelingt nicht immer, einfach fallenlassen darf man es aber auch nicht.

Die Texte sollen also im Endeffekt äquivalent sein?
Ich würde sogar sagen: das gleiche spezifische Gewicht haben. Je mehr man fallenlässt oder übergeht, desto mehr entfremdet man sich vom Text. Poesie zu übersetzen, wo ganz viele Probleme auf knappem Raum geballt sind, gelingt manchmal Übersetzern besser, die auch selber schreiben. Celan hat unter anderem Gedichte aus dem Russischen übersetzt, Mandelstam, Jessenin und einige weitere. Was ich von ihm aus dem Russischen kenne, ist das Beste, was ich kenne. Es ist manchmal etwas frei, aber es ist – ich benutze das Wort jetzt ganz bewusst – kongenial.

Literarisches Übersetzen erfordert die Fähigkeit, sich auf die Stimme eines Autors einzulassen. Kann man das Empathie nennen?
Ja. Oder: Vertrautheit. Je mehr man von einem Autor, einer Autorin kennt, desto besser kann man den jeweiligen Text verstehen und übersetzen. Das Werk eines Autors hat einen eigenen Code, man könnte sagen: ein eigenes Alphabet.

Wie lernt man diesen Code kennen?
Von Marguerite Duras, Marina Zwetajewa, Danilo Kiš oder Imre Kertész habe ich sehr viel mehr gelesen als das eine Buch, das ich übersetzen wollte, um mich in ihr Denken, in ihre Erzähltechnik einzufühlen. Man bewegt sich gewissermassen in einem Universum, das nicht das eigene ist – aber es ist ein Universum. Es gibt einen Stil, eine Weltanschauung, Themen und Parameter, die sich in mehreren Texten eines Autors ausdrücken. Man kann nicht von jemandem, der vom Übersetzen lebt und oft schnell arbeitet, verlangen, dass er, bevor er ein Buch übersetzt, schon alle weiteren Bücher des Autors gelesen hat. Einige zu kennen, um dieses eine dann besser kontextualisieren zu können, ist aber sicher hilfreich. Ich selber habe jeweils mehrere Bücher «meiner» Autoren übersetzt.

Wird Literatur häufig von Frauen übersetzt, weil diese Arbeit auch eine Art von literarischer Selbstaufgabe beinhaltet?
Man kann auch fragen: sind Frauen einfach empathischer, selbstloser, intuitiver? Das sind alles Dinge, die man Frauen nachsagt. In früheren Jahrhunderten waren es fast ausschliesslich Männer, die Literatur und Poesie übersetzten, es gab früher allerdings auch weniger Schriftstellerinnen. Spätestens im frühen 20. Jahrhundert hat sich das aber geändert. Die erste Gesamtausgabe von Dostojewski auf Deutsch stammt von einer Frau, die sich hinter einem Pseudonym und Abkürzungen versteckte: E.K. Rahsin. Das wusste man lange nicht. Ich glaube nicht, dass Frauen unbedingt viel empathischer und intuitiver sind, aber womöglich…