In der Zukunftswerkstatt

Zwei Schriftsteller, zwei Generationen, zwei Weltuntergänge: François Höpflinger und Heinz Helle. Der eine schrieb seine satirische Version einer künftigen Schweiz in den 1980er Jahren («Die Stadt der Gnomen», «Reise zu den Neidgenossen»), der andere sorgte letztes Jahr mit seiner Dystopie, in der eine Gruppe von Freunden die Zivilisation in Trümmern vorfindet («Eigentlich müssten wir tanzen»), für Aufsehen. Wir setzten sie in Kontakt und fragten: Warum so düster? Ein Mailwechsel.

François Höpflinger: Heinz Helle, Ihr neuer Roman ist eine eindrückliche Weltuntergangsbeschreibung: es geht um ein paar Freunde, die nach einem Wanderausflug Zeugen des Endes unserer Zivilisation werden. Was war für Sie der Auslöser, diese Geschichte zu verfassen?

Heinz Helle: Der Roman hat eigentlich zwei Auslöser: den Verlust eines engen Freundes und die Angst vor dem Untergang der Europäischen Union angesichts der ersten Griechenlandkrise 2010. Beide Themen laufen auf die gleichen Grundfragen hinaus: Wie gehen wir damit um, wenn etwas, das wir für selbstverständlich halten, plötzlich nicht mehr da ist? Und: wie sehr kann man etwas, das man für selbstverständlich hält, noch schätzen?

Höpflinger: Genau das hat mir an Ihrem Roman sehr gefallen: der Umgang innerhalb einer Gruppe von Freunden, wenn unvermittelt alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst werden. Wenn nichts mehr sicher ist!

Helle: Daneben habe ich versucht, einige Themen zu streifen, die gerade relevant sind: Depression, Grenzschliessungen, Pornographie, Europa. Das Grundthema indes ist zeitlos, nämlich der Verlust von Leben, von Menschlichkeit, von Bedeutung. Ich wurde von Fragen geleitet, die mich seit dem Philosophiestudium beschäftigen: Wie ist der Zusammenhang zwischen Sprache und Welt? Beschreiben wir nur, was wir sehen, oder sehen wir nur, was wir sagen können? Wir sollten mehr auf unsere Sprache Acht geben. Auch wenn wir allein sind. Unsere Gedanken beeinflussen unsere Handlungen und die beeinflussen die Welt da draussen. Die sprachliche Verrohung einer Gesellschaft hat früher oder später konkrete Folgen für das Zusammenleben.

Höpflinger: Mein Zukunftsroman hatte einen anderen Hintergrund. Er entstand einerseits im Nachhall der Jugend- und Studentenbewegung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; eine Aufbruchsstimmung, die durch konservative bis reaktionäre Gegenströmungen abgelöst wurde. Andererseits wurde ich beim Schreiben des Romans durch die damalige Ölkrise und die entstandenen Diskussionen zu den Grenzen des Wachstums beeinflusst. Mein Roman setzt ein, als sich der Süden zu einer neuen Hochkultur entwickelte und der Norden unterentwickelt blieb. So gesehen, handelt es sich bei meinem Roman nur um eine halbe Dystopie – im Gegensatz zu Ihrem Text, der den Untergang ins Zentrum stellt. Wobei auffällt: der Grund für den Untergang bleibt offen und unbestimmt. Wurden Sie von Lesern des Romans nach den Untergangsgründen gefragt?

Helle: Ja, einzelne Leser störte diese Unklarheit. Aber die Ursachen der Katastrophe waren für die Fragen, die mir im Roman wichtig waren, nicht entscheidend.

Höpflinger: Welche Reaktionen hat der Roman noch ausgelöst?

Helle: Es gab schöne Reaktionen, die mich berührt haben, weil sie ein sehr genaues, tiefes Verständnis meines Textes zum Ausdruck brachten. Von einigen Rezensenten habe ich viel über meinen eigenen Roman gelernt.

Höpflinger: Ich verfasste meine Texte Ende der 1970er und anfangs der 1980er Jahre, lebte und schrieb also noch in einer vordigitalen Welt. Durch die digitalen Entwicklungen hat sich sicherlich auch die Schreibform verändert. Wie gingen Sie beim Verfassen Ihres Romans vor?

Helle: Normalerweise schreibe ich immer zuerst von Hand. Ich versuche, Sätze zu finden, die mir gefallen, deren Klang etwas in mir auslöst, so eine Art Rhythmus, der mich weiterträgt. Wovon diese Sätze handeln, ist zunächst einmal gar nicht entscheidend. Nach einer Weile, wenn ausreichend Material entstanden ist, beginne ich, es zu übertragen, zu sichten und zu überlegen, was das eigentlich ist. Dann mache ich erste, vorsichtige Versuche, die Fragmente in eine mögliche Struktur zu bringen. Aus der Struktur ergibt sich, wo noch etwas fehlt und wo das alles hinführen könnte. Ich war zunächst selber überrascht, als ich merkte, dass ich eine Dystopie schreibe.

Höpflinger: Ist es vielleicht einfacher, über Weltuntergänge zu schreiben, als über positive Zukunftsentwicklungen?

Helle: Es ist vor allem einfacher, über den Zerfall zu schreiben, als über eine positive Entwicklung. Um eine positive Entwicklung zu beschreiben, braucht man ja eine positive…