Simone Lappert: «Der Sprung»

Simone Lappert: «Der Sprung»

Maybe we’re all crazy.

«Maybe I’m crazy. Maybe you’re crazy. Maybe we’re crazy. Possibly.»

Diese Worte aus Gnarls Barkleys Hit «Crazy» stellt Simone Lappert ihrem Roman voran. Doch verrückt ist nicht die junge Frau, die an diesem brütend-heissen Tag auf dem Dach steht, sondern das, was sich unter ihr abspielt. Die schaulustigen Menschen, die ihren Kopf in den Nacken legen, ihre Smartphones griffbereit halten, fest entschlossen, sich das Ereignis keinesfalls entgehen zu lassen. «Spring doch, du Weichei!», ruft ein stimmbrüchiger Junge aus der Menge. «Na los, mach schon, du Memme!»

Und dort, zwischen der empört-belustigten Menschenmenge, zwischen Polizei, Presse und aufheulenden Sirenen, steht auch der Freund der jungen Frau, der gerade nichts lieber täte, als mit ihr schwimmen zu gehen; so wie er es ihr schon lange versprochen hatte. «Sommer ist bald», hatte sie ihm auf seine wiederholten Ausreden geantwortet. Sommer ist bald. Doch statt schwerelos im frischen Wasser zu treiben, steht sie an der prallen Sonne auf dem grünen Haus; durstig, mit geröteten Schultern, reisst Ziegel aus, wirft damit um sich. «Haut ab und lasst mich in Ruhe!», schreit sie hinab auf die Strasse. Bis sie still und heimlich vom Dach fällt, als gerade niemand hinschaut.

Die absurde Tragik und Ironie dieses brütend-heissen Tages wird von zehn Charakteren geschildert, die unwillkürlich Teil dieses Geschehens geworden sind. Charaktere wie die Passantin Edna, die wütend auf die Frau ist, weil deren Selbstmordversuch tiefsitzende Wunden aufreisst. Von der jungen Winnie, die die Frau mutig findet, weil ihr egal zu sein scheint, was andere denken. Von Astrid, die sich mehr um ihre Karriere sorgt als um das Leben ihrer Schwester.

Der Roman oszilliert zwischen Tragik und Komik, offenbart die Ironie, mit der uns das Leben konfrontiert, und die widersprüchlichen Reaktionen der Charaktere darauf. Am liebsten würden wir Ednas Bitterkeit kritisieren, Astrids mangelndes Mitgefühl – bis wir uns selbst darin erkennen. Wie wir Schmerz in Wut umwandeln, um ihn einfacher zu ertragen. Wie wir uns lieber empören, als mitzufühlen. Wie wir uns mit dem Trivialen beschäftigen, weil wir die essentiellen Fragen scheuen. Wie wir vor lauter Verlustängsten gar nicht erst lieben. Wird einem erst mal dieser Zirkus vor Augen geführt, die absurd-skurrile Logik, die sich unter dem Dach und tagtäglich in unseren Köpfen manifestiert, scheint Gnarls Barkley doch recht zu behalten: Maybe we’re crazy. Possibly.


Simone Lappert: Der Sprung. Zürich: Diogenes, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»