Stadtbesuch in der Agglo

Online-Spezial: Weder in der Stadt noch auf dem Land, erbaut auf einer betongrauen Agglo-Wiese, vom Strom der Autobahn unterflossen, steht das «Westside»-Einkaufszentrum in Bern-West. Dominik Riedo geht in diesem Zwischenreich für uns auf Spurensuche.

Stadtbesuch in der Agglo
Hat einen Draht zur Agglo: Schriftsteller Dominik Riedo.

Wer Erleuchtung sucht, lese ich sinngemäss bei Carl Gustav Jung, der solle nicht dem hellsten Licht hinterherrennen, sondern im Halbdunkeln suchen. Und wer sucht schon nicht Erleuchtung, besonders, wenn er gerade mitten in der Midlife-Crisis steckt? So stand ich also eines Abends, mit einem Glas Whisky in der Hand, gespannt auf meinem Balkon, die Lampen alle ausgeschaltet, und blickte ins mehr oder weniger Dunkle der Nacht. Da! Tatsächlich! Schon nach wenigen Sekunden geschah es: Ich verstand die Welt nicht mehr. Was zwei Jahre lang rot in die gute Stube geleuchtet hatte, der auffällige Schriftzug des «Westside»-Kaufhauses, leuchtete nun grün. Grün! Was hatte das zu bedeuten: Hoffnung?

Ich muss einfügen, dass ich seit zwei Jahren im Gäbelbachquartier wohne. Diese Hochhäuser, gebaut in den 1960er-Jahren, gehörten lange zu Bern-Bethlehem. Aber nachdem in den letzten zehn Jahren rundherum moderne Wohnhäuser hochgezogen worden waren, nennt der Volksmund die Gegend heute allgemein «Bern West». Und so, nämlich «Westside», heisst eben auch das inoffizielle Zentrum des neuen Stadtteils, inzwischen ein weitflächiges, zu grossen Teilen am Reissbrett entstandenes «Satellitenquartier» innerhalb der Bundeshauptstadt, dessen Verbindungspfade im Schachbrettmuster so hochtrabend ausgewählte Namen tragen wie Tinguelyweg, Ramuzstrasse, Billeweg oder Le-Corbusier- Platz. Ich habe mir einmal das Gaudi gemacht, Menschen zu fragen, ob sie wüssten, wer denn hinter diesen Namen stecke: Nur bei Max Petitpierre erhielt ich von einem älteren Mann die richtige Antwort …

Das erwähnte Zentrum, das «Westside», neudeutsch eine Shopping Mall, besitzt nicht nur eine eigene S-Bahn- und Tramstation (sowie eine schöne Menge Parkplätze), sondern seinetwegen wurde auch die bestehende Autobahn Hunderte von Metern lang in die Erde verlegt, damit hier überhaupt gebaut werden konnte. Und diese Investition, von der Betreiberin des Zentrums, der Migros, kräftig mitfinanziert, sollte sich, wenn schon, denn schon grad richtig lohnen: Dem Einkaufszentrum ist ein Hotel angeschlossen, ein Altersheim, ein Kino, ein Wasserpark (inklusive Sauna und Fitness-Studio) und eine «Begegnungszone». Letztere liegt zwischen Bahnstation und Center und man trifft sie meist so menschenleer an wie in dem Western «High Noon» die Hauptstrasse zum Zeitpunkt des Duells. Was nur zeigt, dass das Wahre sich eben wirklich im Innern abspielen muss, im Halbdunkel des künstlichen Lichts – das ich am liebsten zur Erkenntniserweiterung unverzüglich aufgesucht hätte. Weil es bereits um Mitternacht war und wir trotz aller Anglizismen nicht in Amerika sind, kam das nicht mehr infrage. Aber immerhin konnte ich im Internet nachlesen, dass mir das neue grüne Licht der Hoffnung bestimmt den richtigen Weg gewiesen hatte, denn da stand es dunkelgrau auf hellgrau:

«Westside ist viel mehr als eine blosse Hülle für ein Einkaufszentrum. Es ist ein Raum, um darin zu leben. Hier fühlen sich die Menschen wohl, verbringen eine schöne Zeit. Alltägliche Dinge wie das Einkaufen bekommen dadurch eine ganz neue Qualität und Westside ist eine Destination zum Verweilen.»

Dies schreibt der Architekt des Westside, Daniel Libeskind – und der muss es ja wissen, er hat schliesslich derart bedeutende Gebäude konzipiert wie das Jüdische Museum in Berlin oder das Imperial War Museum in Manchester und sollte ursprünglich auch die World Trade Center Site (am Ort der beiden Türme des ehemaligen World Trade Centers) neu gestalten.

So schlief ich also vor lauter Vorfreude auf diesen von mir zuvor selten und immer nur kurz besuchten Ort hervorragend und begab mich am nächsten Tag gleich zur Öffnungszeit munter und mit wachen Sinnen hin zu meiner neuen Bestimmungsstätte. Und richtig, kaum drinnen, lese ich da auf einer Wand: «Das Westside – Bunt wie das Leben». Daneben stand, noch vor dem heruntergelassenen Gitter bei der Migros, ein etwa 75-jähriger Rentner, der rüstig auf die Metallstäbe einhieb und laut rief: «Macht auf, es ist neun Uhr, macht auf!» – Heimatland, was so ungeduldig betreten werden will, das musste doch das wahre Leben sein!

Das dachte sich wohl auch die sportliche Dame, die mir in einem der Atrien auf einem Plakat im Überweltformat sofort in die Augen stach: Sie ist unter Wasser und performt eine Yoga-Übung, die sie äusserst zufrieden aussehen lässt. Darüber steht: «Meine erste Wahl: Jahreskarte Erlebnisbad». Leider konnte ich mich trotzdem nicht dazu entschliessen, auf der Stelle so eine Jahreskarte zu erwerben und wie die Dame mitsamt der Kleidung unter Wasser zu hüpfen und meinen Rücken zu dehnen. Mein Zögern musste noch Teil meiner alten Weltgewöhnung sein, ich bin nun mal eine Art Auslaufmodell. So bewegte ich mich mit einem kurzzeitig etwas reuigen Gefühl an der Mobilezone für Handys vorbei, ohne in meiner Stimmung Gebrauch zu machen von deren Dienstleistung («better be clever»), stolperte in dieser bereits etwas lästigen Unsicherheit weiter vorüber am M-Way, der mich demnach – «we are electrifying you» – nicht aufpeppen durfte, und stoppte, obwohl ich jetzt endlich dazu bereit gewesen wäre, auch nicht beim Gamestop, der zwar alle «power to the players» versprach und «playing without limits», dessen Türen aber schlicht noch geschlossen waren.

Nach einem Blick auf die Orientierungskarte (am schicken weissen Touchscreen) entschied ich mich, zuerst den Globus aufzusuchen, der damit lockte, dass da eine schöne Dame auf einem Plakat den Laden gleich mit drei Taschen verliess und das Versprechen gab, das Leben zu kennen: «savoir-vivre» eben, hiess der Leitspruch. Und, doch, ja: Inmitten der edel riechenden und bestimmt auch lecker schmeckenden Leckereien der Lebensmittelabteilung respektive der eigentlich recht gemütlich aussehenden Herrenkleider hätte man sich bestimmt ziemlich wohlfühlen können. Dumm war nur, dass der ins Auge gefasste Tommy- Hilfiger-Pulli da 179 Franken kosten sollte und der Durchschnittskäse hinter der Theke mit der freundlich lächelnden Bedienung gegen zehn Franken pro hundert Gramm strebte. Es leuchtete mir mit jeder LED-Röhre mehr ein: Ein Mensch, der noch auf der Sinnsuche war, verdiente es einfach nicht, genug zu verdienen, um sich hier alles leisten zu können. So kaufte ich vorerst immerhin mal ein edles Whisky-Glas, das musste für den Moment reichen.

Doch noch schlimmer erging es mir danach bei Swarovski, der zwar «dauerhaft angepasste Preise» (dauernd angepasste? Oder: auf ewig angepasste?) versprach, dessen Designs mich aber selbst in diesem Einkaufsparadies potthässlich dünkten. Die Wortwahl in meinem Kopf wie auch die Reaktion allgemein führte ich wiederum auf meine lange Abstinenz von solchen Lokalitäten zurück; es musste schon Monate her sein, seit ich das letzte Mal an so einem Ort gewesen war. Mit etwas Übung und dem entsprechenden Willen würde es mir jedoch sicher gelingen, den Einstieg wieder zu finden.

Vielleicht, sagte ich mir, läuft die Gewöhnung eher über die Nase. Ich stand gerade vor dem Atelier de parfum und vor der Werbung für einen «Duft, der Erinnerungen weckt und Sehnsucht». Die Dame hinter der Theke schaute zwar skeptisch, aber sie hielt mir dennoch einen Hauch dieser Essenz auf einem Duftpapierstreifen zum Riechen hin: Doch die Fähigkeiten, sich in so einem Gebäude zu bewegen, kam trotzdem nicht zurück. Wenn, dann schon eher die Sehnsucht, weitere Düfte zu testen. Etwa das «Parfüm, das von Küssen erzählt und Zärtlichkeit verheisst». Aber ach, es blieb bei der Verheissung. Und auch bei jenem, das «betörend, wild und voller Hingabe» sein sollte, spürte ich kaum etwas.

Da überkam mich die Panik: Vielleicht war ich gar noch nicht reif, meiner Bestimmung zu folgen? Aber ich wollte das nicht wahrhaben. Verzweifelt eilte ich weiter, auf der Suche nach dem Geschäft, ich dem ich mich pudelwohl fühlen würde, vorbei also am Okaïdi, wo Mode nur bis für 14-Jährige designt wurde, vorbei am Brillengeschäft, das «I am active»-Produkte verkaufen wollte (und ich bin normalerweise eher träge), vorbei am Friseurladen, der mir zu meinem Entsetzen vier Frauen zeigte und mich aufforderte, eine davon zu wählen: «Holen Sie sich hier jetzt Ihr hollywood Blond» (sic). Was ich alles noch sah, weiss ich nicht, nur im Ohr habe ich noch die Werbung, ich solle doch «wieder das jugendliche Strahlen meiner Augen entfachen» oder mir «trockene Lidschatten oder feuchte Lidschatten» zulegen, und in der Nase bleibt der Geruch vom Tartar Festival (ich bin Vegetarier). Erst vor dem Tally Weijl – «totally sexy» blieb ich streng schnaufend stehen und realisierte: Ich hatte mich tatsächlich in den «70‘000 m2 Kundennutzfläche» verlaufen!

Es war also nichts mit pudelwohl; das blieb offenbar den Schosshündchen der jüngeren weiblichen Kundschaft hier vorbehalten (für die grösseren gibt’s Hundeboxen vor der Eingangstür), den Kindern im Kinderland, den Müttern beim Weintrinken an der Globus-Bar, den Pensionierten im Migros-Restaurant oder den Typen mit Tribals am Hals, die den Besuch des «Westside» laut als «Stadtbesuch» bezeichneten. Bei der Vorstellung daran, den Rest meines Lebens in einem dermassen abseitig gelegenen Center bleiben zu müssen, in dem bald Luca Hänny bei seinem angekündigten Auftritt von kreischenden Spangenträgerinnen zerrissen werden würde, fiel ich in Ohnmacht.

Wie ich nach Hause gelangte, weiss ich nicht mehr, aber abends erwachte ich in meinem Bett und setzte mich mit Whiskyflasche und Glas auf den Balkon, wo ich stumpf ins Leere schaute … bis ich, ja, bis ich es sah: Der Schriftzug des «Westside» leuchtete nun nicht mehr grün, sondern wieder rot! – Und ich hatte in demselben Moment tatsächlich eine Art Erleuchtung: Denn ganz leise hörte ich das Lachen von C. G. Jung neben mir und im Kopf flammte sein Satz auf, dass «das Verderben unaufhaltbar sei. Einhalt könne ihm höchstens damit geboten werden, dass sich genügend Einzelne des Besessenheitszustandes, in dem sie alle waren, bewusst würden.» Das wurde er mir und ich schämte mich tief und ging wieder zu Bett.

 

Dominik Riedo (* 1974) lebt und arbeitet als Schriftsteller in Bern und geht ein bis zwei Mal im Jahr Kleider kaufen – das nennt er dann «shoppen». Diesen Monat neu erschienen ist das Buch über seinen pädophilen Vater: «Nur das Leben war dann anders. Nekrolog auf meinen pädophilen Vater» (Offizin Verlag, Zürich).