Micieli reist

Bern–Ljubljana: 3 Stunden, 10 Minuten

Im Zug zum Zürcher Flughafen. Unterwegs zu einer Tagung der Universität Ljubljana mit dem Thema «Literaturdiskurs Alpen». Ich soll über Liebe in den Alpen referieren. Das Buch, das mich auf dieser Reise begleitet: «Zimmer 307» von Sandra Hughes (Dörlemann). Ich halte das Buch in den Händen, drehe und wende es; mein Spiel vor jedem Lesen.

Die Buchpreisbindung wurde abgelehnt, sagt die Zeitung des Nachbars. Der Minibarmann nennt sich Domenico. Und die Kaffeemaschine funktioniert nicht. Ausweichen und löslichen Cappuccino nehmen. Im Buch schneidet sich Felicitas wegen Domenico die Venen auf. Und schon ist man mitten drin! In kurzen und sprachlich genau bewegten Kapiteln werden wir durch Erinnerung und Neuwerdung einer Frau geführt. Die Geschichte: eine Reinigung im Fegefeuer. Mit «Zimmer 307» in der Hand falle ich auf; die Durchleuchter sagen mir, ich solle es auf das Förderband legen. Kein Piepsen. Der Bus befördert uns zum Mini-flugzeug. Das Buch halte ich wie ein Fähnlein.

Und ab in den Himmel. Wir fliegen! Felicitas wird Managerin und gründet eine Abteilung für Männer, auch für Domenico. «Er packt mich am Kinn, schiebt es hoch, schaut mich an. Die dunklen Augen, die gelben kleinen Punkte. Ich drehe den Kopf weg.»

Die Alpen sehen wunderbar aus mit dem vielen Schnee, unberührt und ewig. Der Flughafen von Ljubljana hat Ähnlichkeiten mit Bern / Belpmoos. Auch da Berge und ein zollfreies Geschäft. Mein Name flattert in den Händen eines Taxifahrers. Fast sage ich: «Zimmer 307». Die Geschichte packt, auch wenn keine Figur da ist, die nach Einfühlungsvermögen verlangt. Wir wollen weder Domenico noch Felicitas sein. Vielleicht ist das Ganze nur ein Traum, vor dem Übergang in das Leben nach dem Tod. Nach einer rasenden Fahrt – Klagen über unfähige Politiker und die Eurokrise auch hier – steige ich beim B&B aus. Die Frau, die mir das Zimmer zeigt, nennt sich Feliice. Ich wage kaum zu atmen. Mein Zimmer hat die Nummer 37 und ist gleich neben dem des österreichischen Autors Josef Winkler. Ich werde ihm später auf der Terrasse bei einem Bier das Buch schenken. Niemand weiss, dass Liebe in den Alpen immer im Zimmer 307 stattfindet, nicht einmal die Schweiz.