Welke Krimiblüten

Martin Suter: Allmen und die Dahlien. Zürich: Diogenes, 2013.

Welke Krimiblüten

Möglicherweise sind es die teuersten Dahlien, die je verschenkt wurden: ein Stillleben des Malers Henri Fantin-Latour. Einst erhielt es die inzwischen verhärmte Hotelerbin Dalia Gutbauer von einem Weggefährten als Beweis für dessen ewige Treue. Derweil ist letztere erloschen und das Kunstwerk gestohlen – ein Unglück, das dem Impressario Detektiv Allmen, dessen neuste Ermittlung Martin Suter hier vorlegt, gerade recht kommen mag. Denn die Kassen des eigentlich bankrotten Villenbewohners sind wieder einmal leer. Ein Fall mit aussichtsreicher Provision soll das nun ändern.

Die Szenerie für einen Kabinettkrimi könnte nicht klassischer, die Geschichte kaum fingierter sein: Nachdem der steinreichen Dame Gutbauer das Bild aus dem vierten Stock ihres Nobelhotels entwendet worden ist, wird dem Hobby-Sherlock-Holmes und seinem Assistenten Carlos, der ganz typisch für kriminalistische Konfektionsware immer den besseren Riecher als sein Vorgesetzter mitbringt, klar: Im Umfeld der Millionärin scheint es niemanden zu geben, der nicht mit ganz eigenen Motiven in die Affäre verstrickt ist. Hinter dem Kunstraub steckt eine Fehde aus Rache und Zorn jener, die Gutbauer über Jahre hinweg wie eine Trophäensammlung in ihrem Palast um sich geschart hat: Hardy Frey, ihre einstmals grosse Liebe, und dessen Geliebte hielt sie als gezähmte Tiger im Hotelkäfig. Beide planten mit Hilfe von Dalias ebenso desillusionierter Assistentin Talfeld den rebellischen Coup. Aus der Riege verletzter Eitelkeiten ging das Gemälde in kriminelle Kreise über, wo es ein rauhbeiniger Mafiosi natürlich ebenfalls als Cadeau d’amour an seine Ganovenbraut übergab.
Bis der Leser aber diesem abstrusen Geflecht auf die Schliche kommt, ereignet sich noch allerhand zähe Cocktailschlürferei in Bars, plätschern lauwarme Hinterzimmergespräche vor sich hin und drehen sich Figuren und Gedankenspiele unentwegt im Kreis.

Dieser milde Krimi-Eiertanz ist nett erzählt und aufgrund seiner konsequenten Weichspülung auch für Zartbesaitete geeignet. Dass Martin Suter in dem verworrenen Figurennetz durchaus versucht, ein literarisches Spiegelbild für eine undurchsichtige Kunstmarktszene zu entwerfen, deren perverse Preistreibereien kriminelle Strukturen geradezu anlocken, scheint plausibel. Allerdings gelingt es Suter nicht, aus diesem anregenden Milieu Kapital für einen spannenden Schmöker zu schlagen. Vielmehr mangelt es an Konzentration und Gespür: Jenseits der wackeligen Konstruktion des Beziehungsgeflechts scheitert sein neustes Krimiprojekt allem voran an der Farblosigkeit der Charaktere. Statt ihnen individuelle Züge zu verleihen, greift der 1948 in Zürich geborene Bestsellerautor in alle verfügbaren Mottenkisten und fischt beherzt nach typischen Krimifiguren, die dem Leser allesamt irgendwann schon einmal begegnet sind. Auch nach sprachlichem Neuland hält man vergebens Ausschau. Simple Satzmuster und halbgare Konversationen vermögen den Fall kaum zu beleben. Daher gilt auch hier: Wer auf sprachliche Funkenschläge verzichtet, geht zwar kein Risiko ein. Aber um den geneigten Leser zu fesseln, ja dessen investigative Lust zu entfachen, bedarf es einfach mehr.