Nicht zu vergessen #4

Bücher enden

Alle angefragten Archive und Antiquare haben angesichts der lebenslang liebevoll zusammengetragenen Sammlung abgesagt. Zu spezialisiert. Zu unbibliophil. Zu Mulde. Also werfen wir Buch um Buch um Buch in die Mulde. Die Zähne der Pressvorrichtung schnappen nach den Hundertschaften der Bücher. Warum fällt der Abschied von ihnen auch jetzt noch so schwer, wo die Beerdigung, der Abschied von ihrem Besitzer, bereits Wochen her ist? Warum fällt es fast noch leichter, mit dem Ende des Lebens zu rechnen als mit dem Ende des Lesens? Angesichts der überquellenden Wohnung ist klar: die Bücher müssen weg. Den zivilisierten Weg hat man gesucht. Jetzt halt so. Keine Alternative. Die Bücher behandeln wie die überzähligen Exemplare der eigenen Sammlung? Unmöglich. Nicht nur wegen der Menge. Es wäre Mord an Toten.

Anders die Ausdünnung der eigenen Bestände. Einfacher ist sie indes keineswegs. Wo anfangen? Mit den Büchern, die nach wie vor zu feuchten Händen führen, die mit wilden Marginalia versehen sind! Aber was ist mit den geschmacksverirrt Geschenkten? Den Vergessenen? Den Paulo Coelhos? Den verhassten Pflichtlektüren? Den Doppelten? Den noch Eingeschweissten? Und selbst wenn die «Überflüssigen» aussortiert sind – was tun? Von Antiquar zu Antiquar tingeln, ihnen ein zweites Leben zu schenken? Nein, denn es muss schnell gehen, wenn man vor der Platznot im Bücherregal einknickt. Nicht dass man sich alles noch einmal überlegt. Nicht dass man sich aus den Überzähligen noch ein neues Regal baut.

Es bleibt nur die Entsorgung nach Wertstoffkategorien: die Verpackungsfolie in den Müll, der guillotinierte Buchblock ins Altpapier, der Deckel in die Kartonsammlung (ausser er ist plastifiziert), die Heftung in den Hausmüll und den Inhalt ans Bein geschmiert! Aber was kann das Buch dafür, jahrelang eingeschweisst stehen gelassen worden zu sein? Und nun, wo die Folie schon mal ab ist … könnte man da nicht … also, nur ganz kurz … einen letzten Blick … ? Ein Schuft, wer sich den Rest nicht denken kann.

Einfacher ist es mit der Last aus den Ein-Kilo-Buch-ein-Franken-Shops, ungefragten Rezensionsexemplaren von Eigenverlegern und mit dem Inhalt von Gratis-zum-Mitnehmen-Kisten und den Trouvaillen aus den ab und an erstaunlich gut bestückten Regalen grosser Einrichtungshäuser. Hier greift es sich schon leichter durch. Zwischen Lektüre, Zeitungspapier, Occasion, Brennstoff für die Kehrichtverbrennungsanlage und Türstopper liegen Sekunden. Weh tut es noch nicht so sehr.

Übrig bleiben etwas freier Raum in den Regalen sowie Beklemmung und Genugtuung. Sie halten sich die Waage: wenigstens hat man den Büchern dieses Mal gezeigt, wer Chef ist und wer ein Stapel Papier. Richtig weh tut es eh erst, wenn man sieht, wie alles säuberlich getrennte Material in den Schlund des Sammelfahrzeugs geworfen und vom Pressschild durcheinandergekaut wird. Da geht man nächstes Mal ja lieber gleich selbst zur Pressmulde.


 

Gregor Szyndler
ist Schriftsteller und Redaktor dieser Zeitschrift. Er lebt in Basel.