Philippe Jaccottet:
«Sonnenflecken, Schattenflecken»

 

Vor fast 60 Jahren hat er seine ersten Gedichte veröffentlicht und wurde vergangenes Jahr als erst dritter Schweizer in die renommierte Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen – jene hervorragend kommentierten Ausgaben, welche die Herzen französischer Leser höherschlagen lassen, selten aber jene von Autoren; nur ganz wenigen Schriftstellern wurde diese Ehrung noch zu Lebzeiten zuteil. Philippe Jaccottet, der letzten Monat 90 wurde, gehört zu ihnen. Und pünktlich zum Geburtstag erscheint mit «Sonnenflecken, Schattenflecken» ein Buch mit gesammelten Aufzeichnungen seit den Fünfzigerjahren. Dabei handelt es sich nicht um hochtrabende Vorträge oder lange Berichte, die Texte sind oft nur wenige Sätze lang, gelegentlich zwei bis drei Seiten.

«Wir wissen zu vieles, wir stossen gegen zu vieles. Diese Träume, in denen man vergeblich allzu steile Hänge hinaufzuklettern versucht. Na gut! Gehen wir dennoch wieder von ganz unten los.» – Mit diesem ersten Eintrag, datiert vom 30. September 1952, geht der gebürtige Waadtländer, seit sechs Jahren in Paris, in der Stimmung der Epoche auf: Meint man hier doch den Stein schleifen zu hören, mit dem Camus’ Sisyphos seine Spur durch das Nachkriegsfrankreich zieht. – Doch wird Jaccottet keiner Szene angehören, den Literaturbetrieb scheuen und intellektuelle Moden an sich vorbeiziehen lassen.

Schon im Jahr darauf zieht er in ein Landhaus in der Nähe von Montélimar, wo er bis heute lebt, und dies wohl meist zu Hause: Reiseaufzeichnungen finden sich selten, auch das Tagesgeschehen spielt fast gar keine Rolle. Stattdessen widmet sich Jaccottet immer wieder seinem Garten. Blumen, Tiere, Wetterstimmungen des Orts beschreibt er Jahr für Jahr, gewinnt ihnen immer neue Facetten ab. Ein zweites konstantes Thema sind seine Lektüren: Von Hölderlin bis Baudelaire, Balzac bis Dostojewski durchmisst er den Kanon der europäischen Literatur, mit gelegentlichen Ausflügen sowohl in die fernöstliche als auch die jeweils zeitgenössische Lyrik.

Weder seine grossartigen Naturbetrachtungen, von seinen Gedichten vertraut, noch die beeindruckende Leseliste werden Jaccottet-Leser dabei ernstlich überraschen. So ist ein drittes Leitmotiv das Erstaunlichste: Die über die Jahre zahlreichen Todesfälle. Das Sterben seines Schwiegervaters 1966 beschreibt Jaccottet mit zugleich grossem Mitgefühl und enormer Präzision, vergegenwärtigt sich nochmals die bewundernswerte Ergebenheit, hinter welcher der Sterbende die Qualen erschlagender Traurigkeit versteckte. Das Leben eines kurz darauf verstorbenen Onkels bilanziert er im Gegensatz dazu nüchtern-kritisch: Ein, wie Jaccottet vermutet, ziemlich schlechter Anwalt sei er gewesen, kleinherzig und aggressiv – «eines jener Leben, von denen nichts bleiben wird». In solchen Einschätzungen und ihren Kontrasten zueinander hat man den Eindruck, dem Naturell des grossen Beobachters nahezukommen.

Schliesslich reflektiert Jaccottet auch immer neu über sein Schreiben: «Wem gelingt es, eine fortlaufende Geschichte zu schreiben, mit soundso vielen Seiten pro Tag: Archivare, Chronisten, Buchhalter… Mir entgleitet jeden Tag von neuem der Faden.» Das immer neue Einfädeln gelingt dem Dichter auch in diesen Notizen bis ins hohe Alter. Als Einstieg empfiehlt sich für Jaccottet-Neulinge nach wie vor das dichterische Werk; wenn nicht gleich in der Pléiade-Ausgabe, so vielleicht in der Zusammenstellung «Der Unwissende» von 2003. Für begeisterte Leser der Gedichte aber ist dann «Sonnenflecken, Schattenflecken» – zumal da, wie die meisten deutschen Jaccottet-Veröffentlichungen, von…