Katharina Geiser:
«Vierfleck oder Das Glück»

 

Von der Jahrhundertwende bis in den Zweiten Weltkrieg würden hier vier Jahrzehnte deutscher Geschichte lebendig, floskelt der Verlag in der Ankündigung dieses Romans. Man möchte zurückrufen: Wenn das doch bloss auch für seinen Protagonisten gälte! «Wo ist Erwin?» könnte der Titel denn auch lauten – als Reminiszenz an die bekannten Suchbilderbücher um den Wandervogel Walter, nur dass der Held in «Vierfleck oder Das Glück» ein etwas weniger munteres Kerlchen ist: Wann immer der Leser seinem Namen begegnet, ist er überrascht, irritiert, da er sich der Erinnerung nicht recht einschreiben will. Erwin Esslinger? Wer ist das schon wieder? Eben diese Ratlosigkeit gehört aber zum Kalkül des Textes von Katharina Geiser, die ihre Hauptfigur stets auf ein Neues verblassen lässt. Ob es an dem frühen Unglück liegt, das sich in seinem Leben ereignet, dem Patriarchenvater, oder seiner lebenslang kaschierten Homosexualität oder eben doch an einer Art Seelenlähmung, an der Erwin leidet – der Text lässt die Antwort glücklicherweise in der Schwebe. Aus Respekt, vielleicht aus Furcht, etwas kaputtzumachen, umkreist er sein Innenleben mit ahnungsvollen Bildern, die deutlich machen, dass die Antwort allein in der Poesie zu finden sei. «Seine Gedanken sind jetzt oft wie Fledermäuse: Sie schwirren geschwind vorüber oder hängen kopfüber in der Schädeldecke, kacken oder gebären ihre Jungen, fangen diese mit den eigenen Flügeln auf.» So lobenswert diese zärtliche Vorsicht im Umgang mit der Figur auch ist, man wird den Eindruck nicht los, dass es sich Katharina Geiser ein bisschen zu leicht macht. Ja, ein bisschen zu gemütlich eingerichtet hat sie es sich im Leben dieses Erwin Esslinger, dessen Rätselhaftigkeit der auftrumpfenden Sprache wenig Widerstand bietet und so gelegentlich zum Katalysator lyrischen Herummäanderns wird.

Nun wird Esslingers (Un-)Geschichte schon sehr früh von einer zweiten überlagert. Es ist die Geschichte des Indologen Heinrich Zimmer, wie Esslinger eine historische Figur. Zimmer erscheint in der Geschichte als ein etwas provinzielles Konglomerat aus Faust und Mephisto. Chauvinist aus Leidenschaft, ein genusssüchtiger Manipulator, der als Geliebter von Esslingers Frau und leiblicher Vater ihrer drei Kinder dessen vitaler Antipode ist. Katharina Geiser haben zahlreiche Briefe dieses Zimmers zur Verfügung gestanden. Mehrere davon werden im Roman zitiert. In ihrer gönnerhaften Selbstvernarrtheit – «Mein liebes Herz, hab vielen Dank für deinen Brief, ich habe ihn von vorn bis hinten gelesen» – zeugen sie von einer Zeit, da Männer, wenn sie grosse Teile der Wirklichkeit vollständig ausblendeten, extrem glücklich sein konnten. Zimmers unappetitliche Extrovertiertheit provoziert die Autorin. Und sie zahlt sie ihm heim: Wenn sie Zimmer in grotesker bayrischer Seppltracht zum Jagdhaus radeln lässt, dahin er seine Geliebte gerufen hat, erinnert diese genüssliche Zurschaustellung männlicher Lächerlichkeit durchaus an Jelinek in ihren spritzigsten Momenten. Zimmers Figur trocknet dabei alles Blumige an Geisers Sprache aus. Bald schon zeigt sie Stachel. Und gleichzeitig ist die Autorin neugierig genug, die Figur bis in die tragischsten Winkel ihres Niederganges zu begleiten. Am Ende ist es ihr Verdienst, dass man für dieses Ekelpaket tatsächlich Rührung empfindet, wenn es sich im hohen Alter, einsam und ziemlich senil, über die verlorenen Jahre der…

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»