Requiem für einen Gletscher

Kurze Sätze über Grate

Ich steige tief hinab in die kühle Höhle. Und siehe da, nach Jahrzehnten gibt mein Keller ein verschollen geglaubtes Relikt aus vergangener Zeit frei: meinen Schallplattenspieler.

Kurz darauf das erwartungsvolle Absinken der Nadel. Anhalten des Atems. Dann die ersten Töne. Es ist der Gesang eines Gletschers, sein tiefes Gurgeln, Knirschen, das plätschernde Stakkato seiner Auflösung, unerbittliches Tropfen auf polierte Kälte, gläserne Schönheit zerbirst, ein Grollen im Innern. Langsam – eine Ahnung nur – nähert sich ein Rhythmus, der weit ausserhalb unseres Zeitempfindens liegt. Er zerfällt in tausend tickernde Takte, die sich überlagern, umkreisen und im weissen Rauschen vereinen – geschnitten in schwarzes Vinyl.

Dies ist eine kleine Geschichte der Zeit. Erzählt mit den Mitteln der Kunst. Unserer besonderen Kommunikationsform jenseits von Sprache und System. Eine Möglichkeit, die uns Menschen bleibt, wenn der Umgang mit dem Klimawandel sprachlos macht.

Die Fotografin Julia Calfee hat für ihr Buch, zu dem diese Vinylscheibe mit den wunderbaren Ambient-Tracks gehört, ein halbes Jahr unterhalb des Valser Länta-Gletschers in einfachster Behausung gelebt. Ein für Calfees Arbeit typisches Vorgehen. Ihr berühmter Fotoband über die Bohème im Chelsea Hotel entstand erst, nachdem sie vier Jahre selbst dort gewohnt hatte. Um einen aussterbenden Nomadenstamm zu porträtieren, zog sie mit diesen Ureinwohnern ganze Winter durch Sibirien und die Mongolei. In der Schweiz näherte sie sich einem kalbenden, sterbenden Riesen. Ein tägliches Ritual mit Handmikrophon und analoger Kamera. Über Monate entstand so ein Archiv aus Tausenden von Tonaufnahmen und Fotografien. Doch es war nicht die Abbildung, die Julia Calfee interessierte. Sie versuchte, anderes zu dokumentieren. «Das meiste, worin wir leben, ist ohnehin unsichtbar: Gedanken, Gefühle, Energie.» Als Fotografin sieht sie kein Paradox darin, dass ihr das Sichtbare unwichtig ist. «Für mich funktioniert ein Bild erst, wenn es ein Gefühl heraufzubeschwören vermag, das mit den Augen nicht zu sehen ist.»

Wohl wegen dieser Haltung überwinden ihre Aufnahmen den Kalenderkitsch und die Selbstverliebtheit konventioneller Gletscher- und Eisfotografien, die oft technisch brillieren, aber inhaltlich dem Nullpunkt zustreben. Calfee präsentiert uns Bilder in grobem Schwarz-Weiss, hier umtänzeln keine Sonnenspiele das glitzernde Eis, huschen keine lustigen Nebelfetzen über imposante Klüfte. Ihr Gletscherbild ist urweltlich. Man blickt in Schlünde, in ein Gebiss, einen Elfenbeinwald, in Gewölbe und Waben aus Stein, Dreck und Eis, durchschnitten von exakten Wasserlinien. Bilder einer machtvollen Geometrie. Kunst hat viel damit zu tun, wie tief sich jemand auf seine Sache eingelassen hat, wie weit zu gehen er bereit war – um etwas zurückzubringen, das uns tiefer angeht als schöne Betrachtung.

Während uns in Calfees Bild- und Tonaufnahmen ein Strom aus Assoziationen überfliesst, Kathedralen auf Kathedralen stürzen, verschiebt sich der Begriff vom ewigen Eis. Der Gletscher zeigt uns seine Vergänglichkeit. Seine innere Uhr tropft. Bis er verschwunden ist, aufgegangen in einer anderen Unendlichkeit: dem Blau des Meeres.


Markus Rottmann
ist freischaffender Texter in Zürich. Zuletzt sind von ihm die Bücher «Calanca – Verlassene Orte in einem Alpental» (gemeinsam mit dem Photographen Oliver Gemperle; Benteli, 2010) und «Black Island» (gemeinsam mit dem Illustrator Thomas Ott; Hammer-Verlag, 2013) erschienen.


Buch: 
Julia Calfee: A Glacier’s Requiem – With 12″ Vinyl Record. Heidelberg: Kehrer, 2016