Stadtschreiberblues

Thomas Bernhards «Wittgensteins Neffe» beschreibt der Erzähler die Odyssee einer Suche nach der «Neuen Zürcher Zeitung», die weder in der «weltberühmten Festspielstadt» Salzburg, den ebenso weltberühmten Kurorten Bad Reichenhall und Bad Hall noch in Wels erhältlich ist. Im nicht ganz so weltberühmten Wels gibt es aber zumindest ein Wirtshaus, wo der Erzähler und Wittgensteins Neffe […]

Thomas Bernhards «Wittgensteins Neffe» beschreibt der Erzähler die Odyssee einer Suche nach der «Neuen Zürcher Zeitung», die weder in der «weltberühmten Festspielstadt» Salzburg, den ebenso weltberühmten Kurorten Bad Reichenhall und Bad Hall noch in Wels erhältlich ist. Im nicht ganz so weltberühmten Wels gibt es aber zumindest ein Wirtshaus, wo der Erzähler und Wittgensteins Neffe auch landen, um eine Hymne auf die Kulturlosigkeit Oberösterreichs anzustimmen. Wels war mir denn auch vor meiner Zeit als Stadtschreiberin nur aus den Texten Bernhards bekannt, «Wels nicht Wales», sagte ich zu meinen Freunden, «Wels wie der Fisch». Dort gebe es eine berühmte Landwirtschaftsmesse, eine berüchtigte Drogenszene und neuerdings eine von der FPÖ dominierte Stadtregierung, las ich. 
«Warum sind Sie nach Wels gekommen?», wurde ich auch nach meiner Ankunft immer wieder gefragt, was mir nicht ganz leicht zu beantworten schien, vielleicht wirklich aufgrund meiner grossen Liebe zur österreichischen Literatur, von Aichinger über Bernhard und Bachmann, Handke, Jelinek, Musil und Mayröcker, Stifter oder Schnitzler bis zu Setz, Stangl und Sargnagel. Seit jeher kann ich anderswo auch besser leben, denken und schreiben, die sogenannte Heimat scheint aus der Ferne – melancholisch verklärt – erträglicher als in der Enge selbst. Das ist der Grund dafür, warum ich sogenannten Aufenthaltsstipendien gegenüber nicht nur skeptisch bin. Werden bereits etablierte Autorinnen in Weltstädte wie Los Angeles oder Rom geschickt, gibt es für unsereins Edenkoben, Schöppingen, Schreyahn oder Wewelsfleth. Da ich die Vorstellung, monatelang nur unter Autorinnen und Autoren zwischen Feldern, Wald und Kühen zu leben, eher beängstigend als kreativitätsfördernd finde, verspricht ein Stadtschreiberstipendium zumindest eine «Stadt» als Aufenthaltsort, da gibt es weder Kühe noch Schriftstellerkollegen.

Wie ich an meinem ersten Tag in Wels erfuhr, ist ein Stadtschreiberstipendium aber nicht mit einem normalen Aufenthaltsstipendium zu vergleichen. Ich hatte morgens fünf Termine, mit einem Veranstalter, mit der Lokalzeitung, dem Vermieter, im Medienkulturhaus, mit dem Wirtschaftsstadtrat und nicht zuletzt dem Lokalfernsehen, die mir einen Block und einen Stift in die Hand drückten, um mich unter dem Ledererturm und am Mühlbach «beim Schreiben» zu filmen. Immerhin kein Foto mit dem FPÖ-Bürgermeister, dachte ich.

«Stadtschreiber werde ich ganz bestimmt nie», sagte der Schriftsteller Clemens J. Setz in einem Gespräch, in dem er sich kritisch zum Stipendiensystem für Schriftsteller äussert. Auch mir schwante langsam, worauf ich mich hier eingelassen hatte. Die Stadt will so einiges von ihrer Schreiberin: Sie soll die Stadt beobachten, sich von ihr inspirieren lassen und darüber schreiben, durchaus kritisch darf das sein, aber man sei ja auch ein Aushängeschild. Irgendwas zwischen Maskottchen, Hofnarr und Chronistin. Ich wurde zu einer Menge an Veranstaltungen eingeladen und zuweilen in den diversen Ansprachen durch Lokalprominenz aus Kultur, Politik und Wirtschaft sogar erwähnt. «Die Frau Stadtschreiberin ist auch da, vielleicht schreibt sie ja dann auch noch darüber», oder mir wurde gleich ungefragt das Mikrofon gereicht: «Drei Sätze zu Wels bitte!» Die Stadtschreiberin war im Theater, im Schlachthof oder die Stadtschreiberin ist mit dem Fahrrad durch die Fussgängerzone gefahren, hiess es. «Ach so, Sie arbeiten im Büro des Bürgermeisters», meinte ein älterer Herr auf der Trabrennbahn. «Schreiben Sie positiv oder negativ über unsere Stadt?», fragte eine sehr misstrauische Dame am Kulturstammtisch. Und zwischen Skepsis und Wortverwirrungen: «Braucht eine Stadt wie Wels so was?»

Ich wohnte im Maria-Theresia-Hochhaus, dem ehemals höchsten Haus von Österreich, mitten in der Stadt. Leider wurde es – erstmals in Jahrzehnten – gerade saniert. Meine romantische Vorstellung, ich würde abends auf dem Baugerüst sitzen, wieder anfangen zu rauchen und Kurzgeschichten schreiben, wurde schnell enttäuscht: die Fenster waren zugeschraubt, die Aussicht durch eine weisse Folie verdeckt und morgens früh weckten mich die Presslufthämmer. Ich floh ins Medienkulturhaus, ins Kaffeehaus oder ins Kulturzentrum Alter Schlachthof, wo…

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