Schweizer Knigge? Schweizer Käse!

Christoph Stokar: Der Schweizer Knigge. Was gilt heute? Zürich: Beobachter-Buchverlag, 2012.

Von Tamar Lewinsky aus Basel stammt das ­Geflügelte Namen betitelte wunderbare ­«Lexikon unbe­kannter Bekannter», in dem sie von Personen ­abgeleitete Bezeichnungen erklärt. Solchen Eponymen widmete sich 2010 auch Manfred Papst stöhnend in der NZZ. Er fand nämlich bei deutschen Büchern ­mehrere hundert, die jenen Freiherrn als Gattungs­begriff im Titel führen, den Heinrich Heine einen ­«tiefen Kenner der Menschen und der ­Bestien» nannte. Vom Garten-­Knigge arbeitete sich Papst über den Sex-Knigge bis zum E-Mail- und Krawatten-Knigge durch.

Es kam noch schlimmer. Jetzt gibt es auch den Schweizer Knigge – von Christoph Stokar, in Zürich stadtbekannt durch Schaufensterkonzepte für die Stadelhofen-Apotheke. «Hie und da soll Humor aufblitzen, manchmal sogar etwas Ironie zwischen den Zeilen zu finden sein» – so das Eigenlob des ­Autors, der als Benimm-Moralist weiss, wie man Tischreden hält, im Restaurant reklamiert und nutzer­gerechte E-Mails oder Kondolenzschreiben verfasst. Stokar ist verliebt in sein Buch: «Von anderen Exemplaren aus unserem nördlichen Nachbarland unterscheidet es sich vor allem in der Absicht, die Dinge nicht immer so ernst zu sehen.» Glückliche Schweizer erwartet daher «ein kleiner Trick, wenn der rote Faden verlorengeht: Greifen Sie zum Glas Wasser, das Sie vorher bereitgestellt haben, und nehmen Sie einen Schluck. Durch die kurze Unterbrechung findet man meist zum Thema zurück.» Ach so. 

Wie schrieb doch Goethe im West-östlichen Diwan? «Getretener Quark wird breit, nicht stark.» Und von diesem Quark hat es im Schweizer Knigge genug! Wie sympathisch bekannte dagegen Prinz Asfa-Wossen Asserate, Autor des klugen Werks Manieren, 2007 in der NZZ: «Manieren als Mittel zur Gewinnmaximierung, das ist für mich etwas so Furchtbares, dass ich die Vulgarität vorziehe.» Äxgüsi, liebe Leser, aber dieser Ausspruch ging mir einfach nicht aus dem Kopf, als ich das perfekt aufgemachte und von Daniel Müller lustig illustrierte Werk erleichtert, weil gelangweilt wieder aus der Hand legte.