«Tancavilmol»

Arno Camenischs Ausflüge in die Bündner Berg- und Sprachwelten

«Tancavilmol»

Die Bündner Berge sind eine rauhe und abgelegene Gegend. Viele, gerade junge Einheimische zieht es hinaus aus der Enge der Täler. Hinein in die Städte – oder besser: hinunter. Oben passiere zu wenig, hört man von ihnen. Es sei nicht aufregend, spannend genug. Aber: Vielleicht schauen sie nicht richtig hin? 

Die Ziege steht auf dem Bett des Senns, im Steinmann auf dem Gipfel des Sez Ner ist ein Buch versteckt, der Esel Lucas wird überfahren, in der Wirtschaft Helvezia sitzt seit 500 Jahren der alte Fazandin mit seiner Schaufel in der Ecke, aber nur wenige können ihn sehen. Und das sind nur einige Umstände und Ereignisse aus Arno Camenischs Erzählungen «Sez Ner» und «Hinter dem Bahnhof», die das Leben in den Bündner Bergen in verschiedener Hinsicht neu inszenieren. Beide Texte gehören zu den originellsten Werken der Schweizer Gegenwartsliteratur, wegen ihrer Nähe zu Spoken-Word und weil man spürt: alles ist echt und erlebt. Arno Camenisch, aufgewachsen mit Surselvisch und Bündner Dialekt, entwickelt sein Werk kontinuierlich: nach einem ersten romanischen Buch schreibt er «Sez Ner», die Geschichte eines Alpsommers, deutsch und romanisch, nebeneinander. «Hinter dem Bahnhof», deutsch und vielsprachig zugleich, beschreibt aus Sicht zweier kleiner Lausbuben ein Bündner Dorf. Beide Bücher sind junge, spritzige, witzige und zugleich abgründige Texte, denn oft darf der Leser nur Angedeutetes erraten.

Die Erzähltechnik Camenischs: «Kamera und Tonbandgerät». Er sieht, nimmt auf und gibt wieder. Der junge Kuhhirt auf der Alp, die zwei Brüder im Dorf sehen und hören ihre Welt, die die Leser durch ihr Auge und Ohr wahrnehmen. «Sez Ner» dürfte überdies auch Ethnologen interessieren: auf der Alp Stavonas leben vier Personen in strenger Rangordnung bei harter Arbeit. Senn, Zusenn, Kuhhirt und Schweinehirt. Mit ihnen zwei Hunde, der Kater, Kühe mit Namen, namenlose Schweine, Schafbock, Ziege, Hühner. Einheimische kommen vorbei: die Hirtin der Rinderalp (und da ist auch der Zusenn nicht weit), Bauern, der Tierarzt, Käseprüfer, ein Jäger. Zu Beginn erteilt der Pfarrer den Alpsegen, am Schluss findet bei strömendem Regen der Alpabgang statt. Klar, vorher kommen auch Fremde auf die Alp. Da zeigt sich Camenischs Begabung für Ironie: beim Unterländer, der filmt, Geld für Alpenrosen ausgibt, und beim Verkehrsverein, der die Alp auf Hochglanzpapier bannt, damit auch Japaner sie entdecken. Die Sprachen sind nur scheinbar getrennt. Im romanischen Text singt der geheimnisvolle Fazandin einen alten deutschen Zauberspruch, der Lehrer spricht deutsch. Das Murmeln der Bauern beim Jassen dann wieder romanisch. 

Auch «Hinter dem Bahnhof» fasziniert durch seine Mischsprache. Hochdeutsch, Dialekt und Romanisch durchdringen sich, so dass die Brüder Automarcas aufzählen, sich mit «Tancavilmol» bedanken und Silvana, die Freundin des kleinen Ich-Erzählers, in der Badvanna badet. Die Buben beobachten ihre Familie, Mutter, Vater, Grossmutter (Tatta), Grossvater (Tat), die Tante, Wirtin in der «Helvezia», die Leute im Dorf mit den einundvierzig oder zweiundvierzig Einwohnern, sie treiben sich hinter dem Bahnhof herum und zeichnen ihre Welt mit Nägeln auf die Autotüren der Soldaten. Der Ich-Erzähler möchte für Silvana, nach dem Vorbild des Dorfdichters Gion Bi, der für Frauen Poesias macht, das ganze Dorf abzeichnen und ihr die Bilder schenken. Die Natur birgt Gefahren, der Rhein frisst Bälle, Maulwürfe und vielleicht Kinder. Die Sonne verschwindet für drei Monate, sie wird wieder kommen, wenn nicht der Zweifler Otto recht hat. Mit der Frage nach der Rückkehr der Sonne, die an uralte Ängste der Bergbewohner rührt, spielt Camenisch bewusst auf «Wenn die Sonne nicht wiederkäme» von Ch.-F. Ramuz an. In «Hinter dem Bahnhof» steht jedoch ein junges Bild am Schluss: der Ich-Erzähler in gelber Pelerine und Silvana in der roten Regenjacca verlassen Hand in Hand das Dorf. Es regnet, und als sie sich umschauen, ist nichts mehr zu sehen. Proben die Kinder bereits ihre Emigration?