Thomas Meyer:
«Rechnung über meine Dukaten»

 

Warum sollte man sich 300 Seiten lang mit einem Sauhund beschäftigen? Diese Frage müsste zunächst geklärt sein, bevor man sich über Stärken und Schwächen des neuen Romans von Thomas Meyer Gedanken machen kann. Denn: Friedrich Wilhelm I., König von Preussen, war ein militärbesessener Tyrann, der sich hinter dem Vorhang der Frömmigkeit nicht selten aufführte wie die Herzkönigin in «Alice im Wunderland»: Kopf ab! Hänget ihn! Es geht in «Rechnung über meine Dukaten» nicht darum, das in irgendeiner Weise in Frage zu stellen – aber eben auch nicht darum, dies moralisch zu verurteilen. Friedrich Wilhelm war ein Sauhund. Punkt. Und wenn man das aushält, kann man eine Menge Spass mit ihm haben, zumindest mit der Version des Soldatenkönigs, die Thomas Meyer uns in seiner ganzen skurrilen Pracht vor Augen führt.

Dieser Friedrich Wilhelm also legt zwar durchaus Wert auf ordentliches Wirtschaften, er hat nur leider ein für die Staatskasse verheerendes Laster: Seine Armee soll am besten aus Riesen, also aus Menschen von mindestens sechs Fuss Grösse bestehen, besser noch sieben. Diese Riesen lässt er kostspielig von überall herbeischaffen, meistens nicht freiwillig, so dass zwielichtige Werber (ein Seitenhieb auf Meyers frühere Profession) durch die Lande ziehen und sich vornehmlich als Kidnapper betätigen. Soldatenriese Gerlach nun darf gar Teil einer Love Story werden, es wird ihm gar die Ehre zuteil, die ebenfalls grossgewachsene Bäckerin Betje entgegen allen Wahrscheinlichkeiten zu ehelichen. Der Leibarzt des Königs hat nämlich ein Riesen-Zuchtprogramm erdacht, und die beiden werden vom König höchstselbst als Kopulationspartner ausgewählt.

Das klingt schräg? Ist es auch. Der Leser darf hier nicht nach einem sich subtil verzweigenden Plot oder gar einer psychologischen Auslotung von Machtstrukturen (hier besser «Wölfe» von Hillary Mantel lesen) suchen – der Star dieses Buches ist zum einen die Sprache, eine Art «Grimmelshausen 2.0», dabei für die moderne Leserschaft überraschend genussvoll und flüssig zu
lesen. Der zweite Star des Buches ist der «Geheimsecretair» des Königs, Creutz. Wenn sich in dem Buch eine Figur entwickelt, dann er, der über die Verrücktheiten und derben Spässe des Königs immer mehr resigniert – bis hin zu offenem Widerstand: Aber wer kann schon etwas gegen einen Friedrich Wilhelm ausrichten? Also: fraget nicht nach einem ausgefuchsten Plotte. Fraget nicht nach seelscher Tiefe. Ergötzet euch an der Sprache und dem Reigen. Freilich immer eingedenk dessen, dass Friedrich Wilhelm ein Sauhund war, oder, wie es heisst, «eine herrliche Bestie».

Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten. Zürich: Salis, 2014.