Vom Verschwundenen

Lukas Hartmann: All die verschwundenen Dinge. Zürich: Diogenes, 2011.

Was braucht man eigentlich wirklich – und was kann man getrost hinter sich lassen? Worum lohnt es sich zu kämpfen – und wann sollte man lieber aufgeben? Wir kennen es: im Laufe des Lebens gehen uns Dinge verloren. Manchmal vermissen wir sie kaum. Regenschirme? Sonnenbrillen? Schals? Ersetzbar. Aber manchmal trifft es auch die Unersetzlichen: den Ring, den uns jemand, den wir mögen, geschenkt hat. Oder die selbstgestrickte Mütze der Mutter. Schubladen durchwühlen, Jackentaschen, die Umkleide im Schwimmbad! Nichts. Gesenkter Kopf auf dem ganzen Nachhauseweg. Nichts zu machen, nicht mehr.

Karl, einem «kleinen Jungen aus einer grossen Stadt», passiert es ständig: dauernd verschwinden Dinge, die ihm gehören. Ein Plastikdino. Ein rotes Portemonnaie. Das blaue Donald-Duck-T-Shirt. Ein Trost ist dann nur sein Kasper. Und der wird immer dann lebendig, wenn Karl mit ihm allein ist, ihm kann er alles anvertrauen – vor allem die Verluste. Eines Tages versteckt er seinen Kasper im Park und merkt sich genau, wo. Doch als er am folgenden Tag zurückkommt – Sie ahnen es –, ist sein bester Freund verschwunden. Von nun an ist Karl überzeugt, dass es einen geheimen Ort geben muss, an dem sich die überall und immer verschwindenden Dinge wieder versammeln.
In einer Vollmondnacht macht er sich mit Timo, seinem Hund, auf die Suche nach den Dingen – die erste Adresse ist für einmal nicht das Fundbüro.

Lukas Hartmann, sonst eher Lektüre für Erwachsene, widmet sich in «All die verschwundenen Dinge» dem Thema «Verlust» in kindgerechter Form. Die Zeichnungen von Tatjana Hauptmann unterstreichen den Charakter dieser sprichwörtlich fabelhaften Geschichte für Kinder ab 6 Jahren, die bisweilen an «Alice im Wunderland» erinnert – und auch Erwachsenen schon allein aufgrund der vielen Referenzen und der Liebe fürs Detail Spass bereiten dürfte: Karl trifft auf magische Helfer und bedrohliche Schwellenhüter. Sein abenteuerlicher Weg in die Welt der verschwundenen Dinge (in der Autos sprechen und ungleiche Socken miteinander tanzen) birgt allerlei Gefahren, und zum Schluss wird Karl – wie Orpheus in der Unterwelt – vor eine schwierige Entscheidung gestellt.