Welch Einfall

Michael Fehr ist Erzähler und zweifacher Literaturpreisträger des Kantons Bern sowie Träger des Klagenfurter Kelag-Preises. Sein neuestes Werk «Glanz und Schatten», aus dem der Text «Welch Einfall» stammt, ist im März im Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen. Sind Sie waghalsig genug für eine Reise ins Herz einer alles andere als phantasielosen Familie – und darüber […]

Michael Fehr ist Erzähler und zweifacher Literaturpreisträger des Kantons Bern sowie Träger des Klagenfurter Kelag-Preises. Sein neuestes Werk «Glanz und Schatten», aus dem der Text «Welch Einfall» stammt, ist im März im Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen. Sind Sie waghalsig genug für eine Reise ins Herz einer alles andere als phantasielosen Familie – und darüber hinaus? Dann lesen Sie hier weiter! Wir danken Autor und Verlag.

 

 

 

Niemand in der Familie hat Fantasie
die Mutter nicht
der Vater keine
die Tochter keine Fantasie
der Sohn keine Fantasie
niemand hat Potenzial
man lebt das Leben der Familie von früh bis spät
und nachts kommt man in den Betten der Familie
zum Erliegen

Eines Nachts aber dann geht im Traum der Tochter
die Mutter um
es fällt ihr ein
dass sie sich aus befremdlichem
violettem Spezialmaterial einen verflixten Helm
kreiert mit einer unermesslichen Spitze
sie stellt sich mit violettem Helm inmitten der
Familie auf
die die Finger ineinander verflicht
auf dass die Mutter das Geflecht besteige
welches als Abschussvorrichtung vorgesehen ist
Vater
Sohn und Tochter gehen
die Mutter in der Mitte
in die Knie und auferstehen
auf dass sich die Mutter senke und hebe
sie gehen in die Knie und auferstehen
bis es genug ist und es die Mutter aus dem Schoss
der Familie hinaussprengt
sie prescht hinaus und weiter hinaus
gerät durch den Mond
den sie mit violettem Helm durchschlägt
um ein sauberes Loch zu hinterlassen der Rückkehr
wegen
rauscht weiter hinaus
bis an den toten Punkt
an dem das Licht der Sonne endet
im toten Punkt glückt es der Mutter zu wenden
worauf sie zurückstrebt
sie gerät ins Licht zurück
schiesst mit violettem Helm durch das Loch im
Mond und kommt im Schoss der Familie zum
Erliegen

Die Tochter verschweigt den Traum
man lebt das Leben der Familie von früh bis spät

Eines frühen Tages aber dann weckt die Mutter
verfrüht den Mann
den Sohn
die Tochter
«Mir fällt ein
dass ich mir einen violetten Helm kreiere mit einer
unermesslichen Spitze»
benommen überdauert die Familie die
Vorbereitungen der Mutter
aber dann stellt sie sich mit violettem Helm
inmitten der Familie auf
die gemäss ihren Anweisungen die Finger
ineinander verflicht
auf dass die Mutter das Geflecht besteige
Vater
Sohn und Tochter gehen
die Mutter in der Mitte
in die Knie und auferstehen
auf dass sich die Mutter senke und hebe
sie gehen in die Knie und auferstehen
bis es genug ist und es die Mutter aus dem Schoss
der Familie hinaussprengt
sie prescht hinaus und weiter hinaus
gerät durch den Mond
den sie mit violettem Helm durchschlägt
rauscht weiter hinaus
bis an den toten Punkt
an dem das Licht der Sonne endet
«Verflixt
welch Einfall
wie berauschend»
verkündet sie
obwohl sie nicht zu hören ist
daheim singt die Familie lauthals und tanzt im Kreis
und feiert die unermessliche Potenz des eigenen
Geschlechts
im toten Punkt glückt es der Mutter zu wenden
worauf sie zurückstrebt
sie gerät ins Licht zurück
schiesst mit violettem Helm durch das Loch im
Mond und kommt endgültig vernünftig im
Schoss der Familie zum Erliegen
welche sie aufs Allerherzlichste empfängt und
beglückwünscht

Es schreibt.

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Einmalig leicht

Schreiben – ein Rausch? Schreiben ist eine Qual. Begleitet von Zweifeln an mir und Zweifeln an der Sache. Ich steige nur ungern in diesen dunklen Keller hinab. Ich tue es, weil Glanz, Ruhm und Geld die Mühen wert sind. Einen Schreibrausch habe ich ein einziges Mal erlebt. Er dauerte von Februar bis August im Jahr […]

In den Rausch schreiben
Abbildung 2: Hans Morgenthaler, Brief an Elisabeth Thommen (Schweizerisches Literaturarchiv, Bern/Nachlass Hans Morgenthaler).
In den Rausch schreiben

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