Zorn auf Zuruf

Als «Gewissen der Nation» haben Literaturschaffende abgedankt – doch in den Spott mischt sich gelegentlich Sehnsucht nach dem «Gegendiskurs». Kann da noch was kommen? Über einige Schwierigkeiten engagierter Literatur im spätmodernen Betrieb.

«Wer kann da heute noch sagen, dass sein Zorn wirklich sein Zorn ist, wo ihm so viele Leute dreinreden und es besser verstehen als er?!»

Robert Musil, «Der Mann ohne Eigenschaften»

Am 13. Oktober möchte Jonas Lüscher fünf Millionen Europäerinnen und Europäer auf die Strassen bringen, um «gegen Nationalismus und für ein geeintes Europa» zu demonstrieren. Sein Team charakterisiert der aktuelle Träger des Schweizer Buchpreises als «Mitglieder der Zivilgesellschaft, denen das Nachdenken und Schreiben nicht mehr genügt und die ins Handeln kommen wollen». An seinen offenkundigen Widersprüchen – mit Facebook für die «Freiheit», mit der eigenen Prominenz gegen den «Ruf nach starken Männern», mit Formatvorlagen für die Vielfalt, mit Massen für die einzelnen – dürfte das ehrenwerte Projekt dabei eher wachsen denn scheitern: Wiederholt hat sich Lüscher zum akademischen Common Sense bekannt, im Aushalten von Aporien eine aufgeklärte Haltung zu sehen.

Ob die sarkastisch überzeichnete Kritik neoliberaler Denkweisen in Lüschers ersten beiden Büchern diesem Anspruch genügt, wird das weitere Werk zeigen: Womöglich ist es gerade die humorige Vereinnahmung der Leserinnen und Leser durch Lüschers Erzähler, die das Publikum zum Widerspruch und Weiterdenken anregen soll. Aus der risikoarmen Hängematte sanften Spotts über barbarische Banker, angezählte Akademiker und kalifornische Technikträumer würde dann vielleicht in der Tat jenes kritische Katapult, das ein breites Publikum bereits jetzt in Lüschers Büchern zu sehen vermag.

Nicht weiter im Text?

Aus dieser Bereitschaft spricht das ebenso tiefe wie totgesagte Bedürfnis nach einer kritischen Gegenwartsbegleitung durch Literatur. Dieser Wunsch hat eine Geschichte, die unterdessen auch schon zweieinhalb Jahrhunderte währt: Aus dem Drang, neue Zeiten auf eine neue, angemessene Weise zu erzählen, gingen der Roman und die publizistische Prosa um 1800 als Sieger hervor. Den teils ersehnten, teils bedauerten Verlust alter Sicherheiten durch die Emphase des Neuen, Vorläufigen und vor allem Offenen zu kompensieren, gehört seitdem zu den grossen Verdiensten der Prosa.

Aus der ironischen Skepsis jedoch, die den Wunsch nach «dem Wenderoman» oder «dem Roman zur Finanzkrise» nicht erst seit gestern begleitet, spricht ein ebenso tiefes Unbehagen: Kann es der Roman als Form nochmals mit der «Welt» aufnehmen? Konnte er es denn je? Schaffen es die Schriftsteller, ihre «freie», nicht selten auch «vogelfreie» Position in Zeiten umfassender wirtschaftlicher und sozialer Kontrolle zu behaupten? Oder spielen sie bloss mit? Und dürfte man ihnen das verübeln? Kommt es auf die einzelnen Schreibenden überhaupt noch an? Haben sich die früheren Funktionen der Literatur nicht einfach auf mehrere Medien verteilt? Finden die neuen Epen nicht ohnehin auf Netflix statt? Wohnt dem Wunsch nach starker Autorschaft, nach «auctoritas», nicht ein überholtes paternalistisches Wunschdenken inne? War die Literatur nicht seit jeher eine Parasitin der Krise? Und die meisten Schreibenden ihren eigenen Worten nur selten gewachsen?

Grosse Fragen. Zum Davonlaufen eher geeignet als zum Durcharbeiten. Jonas Lüscher läuft nicht weg, sondern tritt einen Schritt zur Seite. Alle Türen weiterhin offen: dem Schreiben von «politischen Romanen» und «philosophischen Papieren» hat er keineswegs entsagt, wie der vielfach als «neuer Max Frisch» Gefeierte im Interview mit der «WOZ» versichert. Aber er hat eine Pause eingelegt, geht eine Weile nicht weiter im Text. Was sagt das über die Schwierig- und Möglichkeiten engagierter Literatur in der digitalen Spätmoderne?

Von der Rolle

Welches Unbehagen dokumentiert nun Jonas Lüschers Wunsch, aus seiner gerade erst gefestigten Diskursposition als kritischer Autor in der Tradition Max Frischs zu «konkreterem Handeln» zu kommen? Die Haltung – oder auch: Pose – des engagierten Schriftstellers steht bekanntlich schon seit Adorno unter Verdacht, mit dem allzu gut Gemeinten nicht nur die Kunst zu verraten, sondern erst noch das kritisierte System durch das Vorgaukeln seiner Ansprechbarkeit zu stützen. Während also jede feste Position sich…

Anmassung als Chance

Schreibend immer schön nett sein, mit Kritik nie konkret werden: das Leben als Künstler könnte so leicht sein. Doch Literatur, die aus Gleichgültigkeit oder Pflicht geschaffen wird, langweilt sich selbst zu Tode. Ein Intro zum Schwerpunkt «Zorn und Protest».