Die Sprache des Zorns

Wer spricht sie? Und wie? Fest steht: um eine Landessprache  handelt es sich nicht. Warum die Stimmen von Empörung,  Wut und Protest der helvetischen Enge nicht entkommen können.

«Nun führ ich mich / hin zu den Stimmen / den im Zorn erwachten.» 

Mariella Mehr

Zorn ist ein Gefühl, das den Körper in Unordnung bringt, noch bevor es irgendwo draussen Schaden anrichtet. Die Farbe der Haut, die Haltung des Körpers, der Fluss des Blutes, alles, was sich in ruhigen Zeiten dem langsam dahingleitenden Körperstrom unauffällig einfügt, wird vom Zorn verkratzt, verdreht, verwandelt. Der Körper sticht auf einmal aus der Masse heraus. Das Gesicht sieht aus, als fliege es mit dreifacher Überschallgeschwindigkeit, als reite man auf einem wild gewordenen Meteor über brüchige Welten. Zorn ist fleischgewordene Mach-3. Seine Farbe ist Rot-Bleich-Schwarz. Wer sich mit der Ikonographie des nichtgebändigten Körpers beschäftigt, kommt um den Zorn nicht herum.

Zorn stösst aus der epistemischen Dunkelheit hervor, durchbricht die Gehege der landesüblichen Sittlichkeit. Wer ihn moralisch bewertet, hat ihn nicht verstanden. Wer ihn therapieren will, wird von ihm vernichtet. Wer meint, ihn gebän­digt zu haben, hält lediglich schlaffen Verstand in Händen. Manchmal kündigt er sich an, brummt und stottert wie ein Motor, der nicht in die Gänge kommen will, bis er jäh hervorbricht und ringsum nichts anderes zu hören ist als sein Schrei. Zuweilen wird Zorn ankündigungslos Zorn. Kein Warnsystem vermag den Zorn vorherzusehen, der, hat er die inneren Gemächer verlassen, Herr ist über das ganze Haus.

Autor Urs Zürcher, aufgenommen von Ayse Yavas.

Nach dem Tod Gottes, der Verwurzelung der Psyche in der dunklen Welt der Triebe, der Agonie der reinen Erkenntnis und dem Auseinanderfallen des Subjekts ist es der Zorn, dem man die Repräsentation von Wahrheit irgendwie zutraut. Gerade weil er aus dem unzugänglichen, labyrinthischen, vordiskursiven Höhlensystem der Affekte emporsteigt, scheint er Echtes und Wahres an die von Kontingenz und Ironie verseuchte Oberfläche zu schleudern. Dabei übersteigt er nicht nur das, was Körper und Psyche genannt wird, sondern vereinigt beides zu einer ebenso neuen wie rätselhaften Form. Und diese Form kann aufbrausen, kann toben, kann Reste von Stolz und Scham enthalten, kann gewalttätig sein, kann töten, kann heilig sein. Gäbe es Feiertage des Zorns, locker übers Jahr verstreut, wäre der heilige Zorn der höchste davon. Mit ihm hat der Zorn die Klimax erreicht. Danach zerbröselt er, stirbt ab. Oder fällt zurück ins Grab der Traurigkeit.

«Wer Zorn moralisch bewertet, hat ihn nicht verstanden.»

So sehr Zorn ein Gefühl ist, das den Körper unmittelbar bestimmt, überrumpelt und nicht selten gefangennimmt, so sehr kann Zorn zur Sprache finden. Es ist hier nicht vom Zorn die Rede, der behauptet oder beschrieben wird, sondern vom Zorn, der selber spricht. Doch was ist das überhaupt, die Sprache des Zorns? Wer spricht sie? Und wie? Ich richte meinen Blick auf das, was unscharf als Schweizer Literatur bezeichnet wird, weil der Begriff nicht mehr zu bieten hat als eine geographische Einordnung. Die Suche gestaltet sich schwierig, denn so viel steht fest: Die Sprache des Zorns ist keine Landessprache.

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